Aus der Anstalt pt.2

09.04.2025

Nach wenigen Tagen wurden wir verlegt. Zimmerkollege Karl und ich mußten das Zimmer No. 144 im ersten Stock der Station 31 unweit der Pflegestation verlassen und in den zweiten Stock in Zimmer 251 übersiedeln. Das Zimmer im ersten Stock war lediglich für die Akutphase nach dem Einchecken gedacht und glich von der Einrichtung eher einem Krankenzimmer eines Krankenhauses als einem Zimmer einer Entzugsanstalt, wo man es den Patienten doch ein wenig gemütlich machen wollte. Und tatsächlich schien es gemütlicher. Echte Betten, Holzvertäfelungen an den Wänden, großer Schreibtisch und gepflegte Sanitäreinrichtungen. Endlich war ich auch die Krücke los, ohne der ich mich die ersten Tage nicht bewegen konnte, da die Dosis Praxiten zur Entgiftung und Beruhigung so hoch war, dass ich nicht mehr alleine gehen konnte.

Am Tag nach unserem Umzug vom ersten in den zweiten Stock war Weihnachten - Heilig Abend, das Fest voller Liebe und Freude, das Fest für die Familie. Meine "Familie" an diesem Tag waren rund 250 weitere entzugsbereite Alkoholiker.

Nach dem Früstück mit Schinken, Käse, Sonnenblumenweckerl und zwei Schüsseln Müsli war ich auf dem Weg auf den Raucherhof, sozusagen das Vorfeld zu einem Garten, der aber entsprechend der Jahreszeit trostlos wirkte. So standen wir da, der Schwede Karl und ich und rauchten unsere Winston Zigaretten, als es plötzlich zu schneien begann. Romantisch. Weiße Weihnachten hatt ich schon lange nicht mehr erlebt. Das musste wohl schon über vierzig Jahre her sein. Noch nicht mal 14 Jahre alt, noch grün hinter Ohren, war ich damals zur Weihnachtsmette gestapft. Aber die Hoffnung oder der Wunsch nach weißen Weihnachten wurden rasch vom kalten Dezemberwind verblasen. Und als der Kaffee in der Porzellantasse kalt wurde, beschlossen wir, frischen zu holen.

Dann das selbe Spiel wieder. Rauchen, Kaffeetrinken und sich der Fadesse hingeben. Therapien gab es über die Weihnachtswoche keine, die Kreativwerkstatt war geschlossen. Lediglich das "aktive Erwachen" wurde acht bis neun Uhr angeboten. Dieses benötigte ich nicht. Mein aktives Erwachen begann zwischen 4 Uhr 30 und 5 Uhr morgens. Diese sechs bis sechseinhalb Stunden Schlaf waren ausreichend, um fit genug für den Tag zu sein. Und so wurde ich zum Frühaufsteher.

Abgesehen von 250 "Leidensgenossen" war ich dann doch nicht so alleine. Nachmittags kam mich meine Liebste besuchen. Von 15 bis 17 Uhr 30 war Besuchszeit. Die Anstalt verlassen durfte ich (noch) nicht, nachdem ich mich noch in der 10-tägigen Sperrfrist - oder auch Beobachtungs- und Stabilisierungsphase genannt - befand. Meine Liebste und ich verbrachten schöne zweieinhalb Stunden bei einem Spaziergang im Park und scheußlichem Automatenkaffee.

Dann brach diese unendliche Einsamkeit über mich herein, die ich nur mit einem weiteren Automatenkaffee und zwei Müsliriegel zu bekämpfen versuchte.

Plötzlich war der Schwede weg

Nachdem ich am Heiligen Abend meine beiden Müsliriegel hastig in mich hinein geschlungen hatte, schlief ich mit dem Mobiltelefon in der Hand ein und erwachte - einigermaßen ausgeschlafen - gegen fünf Uhr Früh. Frischmachen und ab in den Raucherhof, natürlich mit einem Becher Automatenkaffee in der Hand. Fadesse machte sich breit nach dem Frühstück, zwischendurch in einem Buch lesen und auf das Mittagessen warten. Wieder Fadesse bis zur Besuchszeit, zu der sich meine Liebste wieder einfand. Als sie gegen fünf nachmittags die Anstalt verließ: Fadesse, Tablettenmenü zum Spätnachmittag und Abendessen.

Da fiel mir gegen 22 Uhr auf, dass Karls Bettzeug genauso da lag wie Stunden zuvor, als ich zwischendurch meine Mobiltelefon aufgeladen hatte. Wahrscheinlich, so dachte ich, wird er noch genüsslich eine Zigarette rauchen in der kalten Dezember-Luft. Doch am zweiten Weihnachtstag halb sechs Uhr früh, lag das Bettzeug noch immer so da. Da begann ich mir Sorgen zu machen, da er schon einige Tage mit seinem Kreislauf zu tun hatte. Ich ging in den Raucherhof, da war er nicht. Ich schlenkerte durch den Park, um zu sehen, ob er denn nicht mit einer Kreislaufschwäche zusammen gebrochen wäre. Im Park war er auch nicht. In der Lobby war er nicht, auf der Pflegestation auch nicht. Der alte Schwede war weg. Wie vom Erdboden verschluckt.

Als einige Stunden später eine Pflegerin und ein Pfleger auch mich zu kamen und mich baten, Karls Eigentum im Zimmer zu identifizieren, war mir klar: Da muss was passiert sein. Und tatsächlich erfuhr ich später an diesem Tag, dass man den Schweden ins Hietzinger Spital überstellt hatte. Lungenprobleme, wie er mir selbst zehn Tage später erzählte. Trotzdem war er weiterhin am Raucherhof anzutreffen.

Und so dachte ich mir am Abend des 26. Dezember 2024: Weihnachten 2024 wäre auch als erledigt abzuhaken.


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Christbaum im Anton Proksch Institut
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