Aus der Anstalt Pt.8

Erstaunlich, wie rasch die bis dato sechseinhalb Wochen vergangen sind. Beim einchecken in die Anstalt fürchtete ich, dass sich diese veranschlagten Wochen anfühlen werden wie eine Ewigkeit und ich noch dazu den Eindruck gewinnen würde, ich wäre in einem Gefängnis. Weder das eine noch das andere hat sich bewahrheitet.
Die Zeit ist fast wie im Flug
vergangen, schließlich ist man ja ständig in Bewegung, die
Essenszeiten und Veranstaltungen schaffen eine (neue) Tagesstruktur;
etwas, das vor der Anstalt bei einem starken Trinker ja nicht mehr
gegeben war. Das Fünkchen Struktur waren dreißig Minuten am Morgen,
wo es zur Beschaffung von Zigaretten und Alkohol ging. Dann lief es
schon irgendwie und einer der 130 Fernsehsender im Kabel-TV hat
sicher was Brauchbares am Laufen. An Lesen oder Gitarre-spielen war
mangels Konzentrationsfähigkeit einerseits und der gestörten
Fingerfertigkeit bzw. Feinmotorik andererseits nicht zu denken.
Schade, wenn man bedenkt, dass ich schon früh als Kind zwei
Instrumente erlernt hatte, mir selbst zwei Instrumente autodidaktisch
beibrachte und vom 15. Lebensjahr an in diversen Bands gespielt
hatte. Sollte es damit nun vorbei sein? Wenn ich wieder eine Gitarre
oder einen Bass in die Hand nehmen werden würde, müsste ich es
jedenfalls nahezu von Anfang an lernen; wie gesagt wegen Feinmotorik
und Fingerfertigkeit. Bei zaghaften Versuchen, in betrunkenem Zustand
zu spielen, stellte ich fest, dass meine Gelenke an Hand bzw. den
Fingern steif - nahezu wie eingerostet - waren. Auch das macht der
Alkohol kaputt.
Die Probleme mit Bewegungsabläufen ist
natürlich nicht nur an den Händen und Fingern zu spüren. Der ganze
Bewegungsapparat wird - so meine Erfahrung - durch regelmäßigen,
übermäßigen Alkoholmissbrauch (ich vermeide hier bewusst das Wort
"Genuss") eingeschränkt. Beim Aufstehen vom Sofa tut einem der
Rücken weh, das Genick bringt ziehende Schmerzen hervor, Knöchel
und Knie-Gelenke scheinen ebenso eingerostet. Dazu kommt ein
gestörtes Gleichgewichtsgefühl, das durch fehlgeleitete Reizleitung
im Innenohr und dem Nervensystem herrührt. So ist die Stolper- und
Sturzgefahr groß, insbesondere, wenn man nachts dringend zum
Wasserlassen raus muss. Da konnte es schon mal passieren, dass ich
den seitlich neben dem Couchbett stehenden Bücherschrank gerammt
habe oder über den Vorlegerteppich vor der Toilette stolperte. Dies
ist nun nach mehr als sechs Wochen Aufenthalt in der Anstalt
Geschichte; obwohl ich schon anmerken möchte, wie lange es dauert,
bis sich Körper und Geist tatsächlich weitgehend vom Einfluss des
Alkohols erholt. So gesehen erscheinen acht Wochen in der Anstalt
vielleicht gar eine Spur zu wenig. Einen längeren Aufenthalt zahlt
die Gesundheitskasse jedoch nicht. Wobei ich als in Niederösterreich
gemeldeter Patient (wie auch Patient*innen aus manchen anderen
Bundesländern) mich noch glücklich schätzen konnte. Wäre man in
Wien gemeldet, werden von der Krankenkasse als Basis lediglich vier
Wochen genehmigt. Zwar mit Option auf Verlängerung (um zwei Wochen);
erfahrungsgemäß gestaltet sich diese Verlängerung und unsicher und
kompliziert. Nach vier Wochen die Anstalt wieder verlassen zu müssen,
bedeutet auch: da hat die Therapie - unter Berücksichtigung der
Eingewöhnungsphase - noch nicht mal ordentlich begonnen. Da war ich
nicht nur stolz darauf, Niederösterreicher bzw. Weinviertler zu
sein, sondern betreffs Krankenkassen-Bewilligung auch sehr glücklich
darüber.
Und ich hatte auch nir das Gefühl,
tatsächlich, eingesperrt bzw. in einem Gefängnis zu sein. Nach der
Eingewöhnungsphase und der damit verbundenen Sperrfrist, gab es
jeweils Mittwochs Nachmittag Ausgang von 15 bis 18 Uhr und konnte von
Samstag auf Sonntag auswärts übernachten. Dies tat ich bei meiner
Liebsten, die nicht weit von der Anstalt weg wohnte. Meine Liebste
machte auch meine Wäsche seit ich in der Anstalt war. Soviel kann
man gar nicht mitnehmen in einem großen Trolley und einer großen
Reise-Sporttasche.
Und wir hatten stets unsere Wege wie
etwa in die Trafik zum Zigaretten kaufen und in den Supermarkt für
Müsliriegel oder Tonic Water. Mittwochs gingen wir am Liesingbach
spazieren – manchal weit in den Wienerwald hinein. Nahezu niemand
war anzutreffen mit Ausnahme der Gassigeher bzw. Hundebesitzer und
ein paar übereifrigen Laufsportlern. Es war schließlich Ende
Jänner, meist windig und bitterkalt. Samstags um 10 Uhr durften wir
bis Sonntag 18 Uhr die Anstalt verlassen. Bei beiden Ausgängen war
Alkoholkontrolle obligat; manchmal erdrehte man im Glücksrad
zusätzlich die Harnprobe. Eigentlich wurde man von den
diensthabenden Ärzten nach dem Zufallsprinzip ausgewählt.
An Alkohol hatte ich die letzten Wochen
schon gar nicht mehr gedacht. Auch nicht, als ich den Supermarkt
ging. Der Suchtdruck, den ich etwa nach zwei Wochen
Anstaltsaufenthalt noch verspürte, diese tiefe Sehnsucht nach
Berauschung, war dem guten Gefühl der Klarheit und Selbstsicherheit
gewichen.
Abgesehen von de Ausgängen und den
Besuchen von meiner Liebsten oder Angehörigen, über die ich mich
stets freute - es war ja auch ein Versorgungskanal für Zigaretten,
Limonaden, Müsliriegel oder Kekse -, empfand ich die Anstalt auch
als meine Höhle, einen Rückzugsort, an dem ich meine selige ruhe
hatte und die "echte" Realität außen vor blieb. Geborgenheit,
Ruhe und Frieden.
Natürlich drehte sich die Welt draußen
weiter, die Probleme und Sorgen blieben die gleichen und verschwanden
nicht, nur, weil man sich eher abgeschottet an einem anderen Ort
befand. Aber, es war ein eigenes Biotop, indem es ruhig und
wertschätzend war, wo bis auf zwei, drei "Ausreißer" kein
lautes Wort fiel, man sich einer Gruppe wie etwa den
Monopoly-Spielern anschließen konnte oder so wie ich für sich
allein blieb. Mit "Verhaberung" hatte ich es noch nie, auch
beruflich nicht. Man konnte sich immer auf mein Wort bzw. eine Zusage
von oder eine Vereinbarung mit mir verlassen, Seilschaften die auf
Schuld und Gegenschuld beruhten, waren mir stets zuwider.
Nun bleiben mir noch eineinhalb Wochen
bis zum Nachhause-Gehen. Was dann weiter geschehen soll, sollten wir
bereits jetzt definieren, so mein Psychotherapeut:
Psychotherapeutische und medizinische Nachsorge organisieren, eine
Tagesstruktur erarbeiten oder zumindest darüber nachdenken. Und
Muster entwickeln, wie man den Alkohol aus seinem Leben rauslässt.
Das bedeutet das Minimieren von Versuchungen etwa beim Besuch eines
Supermarktes, beim Besuch von Veranstaltungen wie
Ausstellungseröffnungen oder Buchpräsentationen mit Gratis Speis'
und Trank. Und auch Strategien für potentiell feuchtfröhliche Feste
wie Geburtstage, Weihnachtsfeiern oder Silvesterparties galt es zu
definieren.
Aber noch genieße ich die Zeit hier. Obwohl: mein Hund, der Beagle Emil, fehlte mir nach dieser langen Zeit schon sehr. Da freute ich mich schon auf den ersten gemeinsamen Spaziergang.
Foto: Bernd Klaus Achter