Aus der Anstalt Pt.8

06.03.2026

Erstaunlich, wie rasch die bis dato sechseinhalb Wochen vergangen sind. Beim einchecken in die Anstalt fürchtete ich, dass sich diese veranschlagten Wochen anfühlen werden wie eine Ewigkeit und ich noch dazu den Eindruck gewinnen würde, ich wäre in einem Gefängnis. Weder das eine noch das andere hat sich bewahrheitet.

Die Zeit ist fast wie im Flug vergangen, schließlich ist man ja ständig in Bewegung, die Essenszeiten und Veranstaltungen schaffen eine (neue) Tagesstruktur; etwas, das vor der Anstalt bei einem starken Trinker ja nicht mehr gegeben war. Das Fünkchen Struktur waren dreißig Minuten am Morgen, wo es zur Beschaffung von Zigaretten und Alkohol ging. Dann lief es schon irgendwie und einer der 130 Fernsehsender im Kabel-TV hat sicher was Brauchbares am Laufen. An Lesen oder Gitarre-spielen war mangels Konzentrationsfähigkeit einerseits und der gestörten Fingerfertigkeit bzw. Feinmotorik andererseits nicht zu denken. Schade, wenn man bedenkt, dass ich schon früh als Kind zwei Instrumente erlernt hatte, mir selbst zwei Instrumente autodidaktisch beibrachte und vom 15. Lebensjahr an in diversen Bands gespielt hatte. Sollte es damit nun vorbei sein? Wenn ich wieder eine Gitarre oder einen Bass in die Hand nehmen werden würde, müsste ich es jedenfalls nahezu von Anfang an lernen; wie gesagt wegen Feinmotorik und Fingerfertigkeit. Bei zaghaften Versuchen, in betrunkenem Zustand zu spielen, stellte ich fest, dass meine Gelenke an Hand bzw. den Fingern steif - nahezu wie eingerostet - waren. Auch das macht der Alkohol kaputt.
Die Probleme mit Bewegungsabläufen ist natürlich nicht nur an den Händen und Fingern zu spüren. Der ganze Bewegungsapparat wird - so meine Erfahrung - durch regelmäßigen, übermäßigen Alkoholmissbrauch (ich vermeide hier bewusst das Wort "Genuss") eingeschränkt. Beim Aufstehen vom Sofa tut einem der Rücken weh, das Genick bringt ziehende Schmerzen hervor, Knöchel und Knie-Gelenke scheinen ebenso eingerostet. Dazu kommt ein gestörtes Gleichgewichtsgefühl, das durch fehlgeleitete Reizleitung im Innenohr und dem Nervensystem herrührt. So ist die Stolper- und Sturzgefahr groß, insbesondere, wenn man nachts dringend zum Wasserlassen raus muss. Da konnte es schon mal passieren, dass ich den seitlich neben dem Couchbett stehenden Bücherschrank gerammt habe oder über den Vorlegerteppich vor der Toilette stolperte. Dies ist nun nach mehr als sechs Wochen Aufenthalt in der Anstalt Geschichte; obwohl ich schon anmerken möchte, wie lange es dauert, bis sich Körper und Geist tatsächlich weitgehend vom Einfluss des Alkohols erholt. So gesehen erscheinen acht Wochen in der Anstalt vielleicht gar eine Spur zu wenig. Einen längeren Aufenthalt zahlt die Gesundheitskasse jedoch nicht. Wobei ich als in Niederösterreich gemeldeter Patient (wie auch Patient*innen aus manchen anderen Bundesländern) mich noch glücklich schätzen konnte. Wäre man in Wien gemeldet, werden von der Krankenkasse als Basis lediglich vier Wochen genehmigt. Zwar mit Option auf Verlängerung (um zwei Wochen); erfahrungsgemäß gestaltet sich diese Verlängerung und unsicher und kompliziert. Nach vier Wochen die Anstalt wieder verlassen zu müssen, bedeutet auch: da hat die Therapie - unter Berücksichtigung der Eingewöhnungsphase - noch nicht mal ordentlich begonnen. Da war ich nicht nur stolz darauf, Niederösterreicher bzw. Weinviertler zu sein, sondern betreffs Krankenkassen-Bewilligung auch sehr glücklich darüber.

Und ich hatte auch nir das Gefühl, tatsächlich, eingesperrt bzw. in einem Gefängnis zu sein. Nach der Eingewöhnungsphase und der damit verbundenen Sperrfrist, gab es jeweils Mittwochs Nachmittag Ausgang von 15 bis 18 Uhr und konnte von Samstag auf Sonntag auswärts übernachten. Dies tat ich bei meiner Liebsten, die nicht weit von der Anstalt weg wohnte. Meine Liebste machte auch meine Wäsche seit ich in der Anstalt war. Soviel kann man gar nicht mitnehmen in einem großen Trolley und einer großen Reise-Sporttasche.
Und wir hatten stets unsere Wege wie etwa in die Trafik zum Zigaretten kaufen und in den Supermarkt für Müsliriegel oder Tonic Water. Mittwochs gingen wir am Liesingbach spazieren – manchal weit in den Wienerwald hinein. Nahezu niemand war anzutreffen mit Ausnahme der Gassigeher bzw. Hundebesitzer und ein paar übereifrigen Laufsportlern. Es war schließlich Ende Jänner, meist windig und bitterkalt. Samstags um 10 Uhr durften wir bis Sonntag 18 Uhr die Anstalt verlassen. Bei beiden Ausgängen war Alkoholkontrolle obligat; manchmal erdrehte man im Glücksrad zusätzlich die Harnprobe. Eigentlich wurde man von den diensthabenden Ärzten nach dem Zufallsprinzip ausgewählt.
An Alkohol hatte ich die letzten Wochen schon gar nicht mehr gedacht. Auch nicht, als ich den Supermarkt ging. Der Suchtdruck, den ich etwa nach zwei Wochen Anstaltsaufenthalt noch verspürte, diese tiefe Sehnsucht nach Berauschung, war dem guten Gefühl der Klarheit und Selbstsicherheit gewichen.
Abgesehen von de Ausgängen und den Besuchen von meiner Liebsten oder Angehörigen, über die ich mich stets freute - es war ja auch ein Versorgungskanal für Zigaretten, Limonaden, Müsliriegel oder Kekse -, empfand ich die Anstalt auch als meine Höhle, einen Rückzugsort, an dem ich meine selige ruhe hatte und die "echte" Realität außen vor blieb. Geborgenheit, Ruhe und Frieden.

Natürlich drehte sich die Welt draußen weiter, die Probleme und Sorgen blieben die gleichen und verschwanden nicht, nur, weil man sich eher abgeschottet an einem anderen Ort befand. Aber, es war ein eigenes Biotop, indem es ruhig und wertschätzend war, wo bis auf zwei, drei "Ausreißer" kein lautes Wort fiel, man sich einer Gruppe wie etwa den Monopoly-Spielern anschließen konnte oder so wie ich für sich allein blieb. Mit "Verhaberung" hatte ich es noch nie, auch beruflich nicht. Man konnte sich immer auf mein Wort bzw. eine Zusage von oder eine Vereinbarung mit mir verlassen, Seilschaften die auf Schuld und Gegenschuld beruhten, waren mir stets zuwider.
Nun bleiben mir noch eineinhalb Wochen bis zum Nachhause-Gehen. Was dann weiter geschehen soll, sollten wir bereits jetzt definieren, so mein Psychotherapeut: Psychotherapeutische und medizinische Nachsorge organisieren, eine Tagesstruktur erarbeiten oder zumindest darüber nachdenken. Und Muster entwickeln, wie man den Alkohol aus seinem Leben rauslässt. Das bedeutet das Minimieren von Versuchungen etwa beim Besuch eines Supermarktes, beim Besuch von Veranstaltungen wie Ausstellungseröffnungen oder Buchpräsentationen mit Gratis Speis' und Trank. Und auch Strategien für potentiell feuchtfröhliche Feste wie Geburtstage, Weihnachtsfeiern oder Silvesterparties galt es zu definieren.

Aber noch genieße ich die Zeit hier. Obwohl: mein Hund, der Beagle Emil, fehlte mir nach dieser langen Zeit schon sehr. Da freute ich mich schon auf den ersten gemeinsamen Spaziergang.

Foto: Bernd Klaus Achter

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