Wirtshaus für Alkoholiker? Gehts noch?

Ich bekam diesen Artikel über die News-Leiste meines Mobiltelefons hereingespielt und bin der Sache unmittelbar nach gegangen. "Hierher dürfen Alkoholiker auf ein Bier kommen" war in "Die Presse"-Online getitelt. Schon mal schlimm genug. Schlimmer wird's jedoch, wenn man die Hintergründe dieses "Wir z'Haus" näher beleuchtet.
Zuvorderst sei aber zu bemerken, daß Suchtmediziner, Suchttherapeuten, Pflegerinnen und Pfleger sowie trockene Alkoholiker und Menschen, die mit der Alkoholkrankheit leben und diese loswerden wollen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden oder sich fassungslos an die Stirn greifen. Denn diese Einrichtung und die dahinterstehende Intention widerspricht so ungefähr allen Bemühungen, um Menschen von einer aktiven Alkoholkrankheit in ein Stadium der trockenen Alkoholkrankheit zu therapieren.
Die Sozialarbeiter Katharina Humer und Günter Tomschitz führen dieses Lokal in der Quellenstraße in Wien Favoriten und tun genau das, was etwa das Anton-Proksch Institut in Wien Liesing zu vermeiden versucht. Alkoholkranke Menschen weiter mit Stoff anzufüttern. Im Falle des "Wia z'Haus" nur halt nicht auf der Parkbank sondern in einem - wie sie meinen – in einem "geschützten" Raum. Sehr, sehr fragwürdig.
Über nackte Zahlen des großen Themenbereiches Alkoholsucht wollen wir gar nicht zu ausführlich reden. Nur so viel: 8.000 Todesfälle in Österreich sind direkt und unmittelbar auf den Alkoholkonsum zurück zu führen. Das sind akute Alkoholvergiftungen, Multiorganversagen, Schlaganfälle aufgrund epileptischer Anfälle bei Selbstentzug, Herzinfarkte oder Leberkrebs. Über Todesfolgen, die indirekt mit Alkoholkonsum in Zusammenhanh stehen, etwa Spätfolgen oder indirekte Erkrankungen wie Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt, der Bauchspeicheldrüse, der Spreiseröhre, des Mund- und Rachenraums o der Niren-Blasen-Bereichs, ganz zu schweigen.
Aber da wird die Sache erst brisant. Verantwortlich dafür ist die Suchthilfe Wien, die uns diese tatsächlich zweifelhafte Einrichtung als Soziallokal verkaufen will. Ich zitiere aus dem Impressum der Suchthilfe Wien: "Zweck der Gesellschaft, deren Tätigkeit gemeinnützig im Sinne der §§ 34 ff Bundesabgabenordnung und nicht auf Gewinn gerichtet ist, ist es, durch ein breites Spektrum an Dienstleistungen und Maßnahmen ausschließlich und unmittelbar Ziele des jeweils gültigen Drogenkonzepts der Stadt Wien umzusetzen." Diese Maßnahme "Wie z'Haus" entspricht möglicherweise nicht dem Drogenkonzept der Stadt Wien, bereitwillig wird aber vermutlich das Geld dafür aus den Töpfen der Stadt Wien gespeist - oder eben getrunken. Denn, niemand bei Verstand kann annehmen, daß in Wien's Drogenkonzept steht "Saufts weiter nach Belieben".
Die Suchthilfe Wien GmbH steht übrigens im 100 Prozent Eigentum der Sucht- und Drogenkoordination Wien gemeinnützige GmbH.
Ich zitiere hier aus dem Artikel aus "Die Presse" - verfasst von Valerie Marie Voithofer: "Es gibt ein täglich wechselndes Mittagsmenü, man kann hier auf einen Kaffee herkommen, auf ein Bier oder einen Spritzer - und zahlt das auch. Das Angebot richtet sich aber an eine ganz spezielle Gruppe: an Menschen mit einem Alkoholproblem, die zwar nicht obdachlos sind, die aber ihre Zeit womöglich trotzdem mit einer Dose Bier auf der Parkbank verbringen würden."
Wo ein Alkoholiker trinkt, ist völlig wurscht, Er/Sie trinkt. Und schadet nicht nur sich selbst, sondern auch der Volkswirtschaft, dem Gesundheitssystem und dem gesamtgesellschaftlichen Gefüge. Alkoholmissbrauch betrifft Familien, Unternehmen sowie das persönliche Umfeld des /der Trinkenden. Stichworte wie häusliche Gewalt, Vandalismus, Alkolenker und Fehlzeiten und erhöhte Fehlerquoten auf Arbeitsplätzen kommen einem sofort in den Sinn.
Vorgestellt wird uns das "Wia z'haus" im Presse-Artikel schließlich als Pilotprojekt. So kann sich der Wiener Suchtkoordinator und vertretungsbefugte Geschäftsführer Ewald Lochner der Sucht- und Drogenkoordination Wien gemeinnützige GmbH mittelfristig ein bis zwei weitere Standorte vorstellen. Voithofer/Die Presse: "Einen ganz konkret in Floridsdorf - wo erst im Februar rund um den Franz-Jonas-Platz ein Alkoholverbot eingeführt worden ist."
Das ist halt Wien. Zuerst am Bahnhof das Saufen verbieten und wahrscheinlich gleich dahinter in einer Nebengasse ein "Wia z'Haus" Nummero zwei aufmachen. Bis die Leber kracht.
Angeblich sei dies, ich zitiere nochmals den Artikel von Voithofer: "Eine Erfolgsstory". Und weiter: "Was den Alkoholkonsum betrifft, geht es insgesamt um Schadensminimierung, oft ist das einfach eine Reduktion des Konsums: fünf statt zehn Bier, Bier statt Schnaps." Und dazu ergänzt der Sozialarbeiter Günter Tomschitz im Presse-Artikel: "Abstinenz ist nicht das einzige Ziel. […] Wir verfolgen grundsätzlich einen akzeptierenden Ansatz und sprechen da von zieloffener Suchtarbeit."
What the fuck. Selten so einen Mumpitz gehört.
Bedauerlicherweise hängt in dieser Maßnahme (diesen Maßnahmen) vermutlich auch viel Geld der Stadt Wien drinnen. Es ist ja nicht anzunehmen, dass sich diese GmbH's selbst am Leben erhalten können. Die Bücher würde ich gerne sehen. Das heißt die Bürgerinnen und Bürger und Unternehmen (via Kommunalsteuer) finanzieren diesen "Projekt" mit, das nichts mit den Zielen von Institutionen wie dem Anton Proksch Institut, der psychosomatischen Klinik Eggenburg oder ähnlichen Anti-Sucht-Einrichtungen zu tun hat. Deren Ziel ist die Abstinenz, um Gesellschaft, Wirtschaft und Gesundheitssystem vor Ärgerem zu bewahren.
Ich werde mir erlauben, den Artikel aus " Die Presse" und meinen kurzen Post an das Bürgermeister-Büro, das Gesundheitsministerium und an Verantwortliche der entsprechenden Entzugseinrichtungen bzw. Suchtzentren zu senden. Bin schon gespannt, was die dazu dazu sagen.
In diesem Sinne: Prost und wohl bekomm's.
Foto: Bernd Klaus Achter
Hashtags: #Alkohol # Alkoholsucht #Entzug #Wien #Alkoholkrankheit
Erstquelle: Die Presse
Nachtrag vom 19. Mai 2025
Auf Nachfragen auf Basis eines kurzen Fragenkatalogs haben weder der Winer Gesundheiststadtrat noch das Büro des Bürgermeisters geantwortet. Ich führte das zunächst auf den bevorstehenden Wien-Wahlkampf zurück. Heute denke ich, es ist schlichte Ignoranz. Auch das Gesundheistministerium hat nicht auf meinen Fragenkatalog geantwortet. Ich werte dies eben als Ignoranz und Desinteresse am gesellschaftlichen Problem Alkohol.
Leider hat auch das renommierte Anton-Proksch-Institut nicht geantwortet. Schade, dass gerade diese einrichtung ihrer Verantwortung nicht nachkommt.
Antwort bekam ich von Prim. Dr. Friedrich Riffer, Ärztlicher Direktor Psychosomatisches Znetrum Eggenburg GmbH:
"In den letzten Jahren hat für bestimmte Patienten ein
Paradigmenwechsel in der Behandlung der Alkoholerkrankung
stattgefunden.
Bei Patienten bei denen aus verschiedenen Gründen
(beispielsweise zahlreiche ernsthafte Entzugs- und
Entwöhnungstherapien bereits erfolglos durchgeführt)davon
auszugehen ist, dass sie keine Abstinenz erreichen, die
weiterhin das oberste Ziel für die überwiegende Mehrheit der
Betroffenen ist, wird das Ziel des möglichst geringen Konsums - oft
als Zwischenziel - angepeilt.
Die Gefahr ist bei solchen Menschen nämlich sehr groß, dass sie
völlig in den Rückzug, die Einsamkeit und soziale
Schwierigkeiten geraten.
Genau das ist das Ziel dieses Projekts. Und aus dem heraus gelingt
es dann doch immer wieder, dass auch Menschen aus dieser Gruppe
langfristig abstinent werden.
Für die meisten Patienten gilt jedoch nach wie vor die Abstinenz
als oberstes Ziel, denn diese sichert langfristig das verhindern von
Folgeerkrankungen der Einschränkung der Lebensqualität.
Im Bereich der OA Abhängigkeit und vor allem bei polytoxikomanen
Patienten sehen wir ein ähnliches Phänomen. Ein Teil dieser
Patienten wird trotz vielfältiger und wiederholter Entzug und
Entwöhnungstrategien nicht abstinent.
Mit entsprechenden Substitutionstherapie gelingt es dann auf die
Substanzen zu verzichten und sozial integriert zu bleiben.
Also zusammen gefasst ist zu sagen die Abstinenz bleibt das
oberste Behandlungsziel für die überwiegende Mehrheit der
Betroffenen. Eine Entscheidung für maßvolles Trinken sollte daher
sehr genau überdacht sein, kann im Einzelfall jedoch Sinn gebend
sein."