Unruhe-Geist (mit der Flasche)

Ich war schon immer ein Unruhe-Geist. Seit ich darüber denken kann. Versuchender Multi-Tasker sozusagen. Da fiel mir ein, was zu tun wäre. Beispielsweise Bücher aussortieren für die Büchertelefonzelle oder als Spende für Volkshilfe oder Caritas. Und während ich so die Bücher herum sortiere, fällt mir ein, dass die CDs geordnet und ins entsprechende Regal einsortiert gehören. Ich habe nämlich die Angewohnheit, stundenlang Musik zu hören, die gehörten CDs aber nicht gleich wegzuräume. So sammelt sich da rasch ein Haufen ungeordneter musikalischer Werke an. Und während ich parallel Bücher aussortiere und CDs ordne, habe ich im Hinterkopf, dass Flur und Küche gesaugt gehören, da der Hund Dreck vertragen hat. Und Schreiben wollte ich ja auch noch was; und fünf E-Mails beantworten. Tatsächlich fertig wird das wenigste. Der Focus fehlt, da ,mich die Unruhe treibt multitasken zu wollen, obwohl wir aus der Gehirnforschung längst wissen, dass dieses Konzept extrem fehleranfällig und kaum durchführbar ist. Und als ich nun über dieses Dasein als Unruhe-Geist nachdenke, überlege ich, ob ich jemals Strategien hatte, dem entgegen zu wirken. Und tatsächlich.
Es lebe der Sport
Sport war als Kompensationsmittel
nichts für mich, dafür war ich als Kind, Jugendlicher und junger
Erwachsener zu dick. Mit Ausnahme von Wanderurlauben mit der Familie
oder später Bergbesteigungen mit meinem Vater im Sommer und
Eislaufen am Eislaufplatz meiner Heimatgemeinde im Winter. Da konnte
man mit den Mädchen, die man aus der Tanzschule kannte, Hand in Hand
fahren, Milch mit Rum trinken und in einer ruhigen Ecke neben den
Toiletten heimlich eine rauchen oder halt … na ja, sonst was.
Kurzzeitg spielte ich in meiner frühen
Jugend Fußball beim Verein meiner Stadtgemeinde. Ich brachte es in
einer Saison sogar einmal zum Torschützenkönig. Dann war es Tennis
- natürlich in adäquater bekleidungstechnischer Ausrüstung.
Spätestens als ein Holzschläger einem Wutanfall zum opfer fiel,
weil ich verlor, wusste ich, da bin ich nicht gut darin, ein
schlechter Verliere bin ich auch. Tennis abgehakt. Und das war es
dann für viele viele Jahre mit Sport. Erst drei Jahrzehnte später
entwickelte ich eine Leidenschaft für den Rennrad-Sport und für das
Laufen. Zum Rennrad kam ich durch die Siegesserie von Lance
Armstrong, der ja später des Dopings überführt wurde. Anfänglich
war er für mich der Held, der den Krebs besiegt hatte und trotzdem
Spitzenleistungen brachte. Wer sich nur ein klein wenig mit dem
Spitzen-Rennrad-Sport beschäftigt, weiss, dass diese Leistungen ohne
Doping nicht möglich sind. Viele wurden des Dopings mit EPO oder der
sogenannten "Eigenblut-Therapie" überführt; darunter auch der
österreichische Radsportler Bernhard Kohl, der halt zufällig aus
meiner Heimatstadt stammt.
Music was my first love

Es war die Musik schließlich, die mich
als als Jugendlicher mitten in der Pubertät fesselte und nie mehr
los ließ. Zu Beginn der Oberstufe hatte ich bereits Blockflöte und
(akustische) Gitarre gelernt, zum Geburtstag bekam ich meine erste
elektrische geschenkt. Ein Nachbau einer Fender Stratocaster, das
mein damaliges Idol Ritchie Blackmore von Deep Purple spielte. Diese
Pseudo-Strat namens Maya war allerdings in Sunburst gehalten. Das
Original von Blackmore war weiß. Jahre später hat mein Vater den
Body der Maya Strat von Sunburst auf Weiß umlackiert.
Jedenfalls kam mit der Stromgitarre die
erste Band; "The Invaders". Buuhh buuh. Mein Gott, was waren wir
für Rocker. An der Oberlippe: Flaum, an den Wangen: Flaum, am Sack:
Flaum. Wie es bei unserer Sängerin war, will ich aus heutiger Sicht
nicht mehr nachvollziehen. Aus Gründen. Jedenfalls waren wir Rocker.
Nietenjeans, schwarzes Netz-Shirt - vorzugsweise schwarz oder im
Tigermuster, Kunstlederjacke, darüber ein Jeans-Gilet mit Bagdes
drauf: Motörhead, AC/DC, Saxon, Krokus, das Peace-Zeichen in
unterschiedlichen Designs - und ich als Außenseiter: einen kiffenden
Bob Marley Aufnäher. Gespielt haben wir – zumindest versucht zu
spielen - den Backkatalog von Beatles, Stones, Creedence Clearwater
Revival, ein bisschen Deep Purple – Ritchie Blackmore war an der
Leadgitarre schon ein anderes Kaliber als ich – sowie ein bisschen
Pink Floyd und Led Zeppelin. Die Songs letzter beider flogen als
baldigst wieder aus dem Repertoire.
Apropos Tigermuster: Unser Sänger
Frankie ließ sich in einem Anflug von Großenwahn von einer ihm
befreundeten Herrenschneiderin namens Margit (geile Sau, die) einen
Bühnne-Anzug im Tigermuster schneidern. Bitte nicht böse sein. War
die Rockerattitüde schon peinlich - also Nietenjeans, Netz-Shirt,
Kunstlederjacke, Jeansgilet - schlug dieser Tiger-Anzug dem Fass den
Boden aus. Und der Effekt war gegenteilig des gewünschten: Die
Mädels fanden dies eher peinlich, die Erfolgsquote Frankie's bei den
Mädels sank. Als wir Jahre später - wir waren so um die 20 oder ein
wenig darüber - ein paar Reunionkonzerte spielen wollten, kam Sänger
und Rhythmusgitarrist Frankie tatsächlich mit dem Tiger-Anzug in die
Garderobe. Bruhaha, er sah darin aus wie eine Pellwurst, worauf der
Rest der Truppe ihm empfahl, doch besser beim gängigen Straßenoutfit
zu bleiben. Hach, welch liebliche Schnurre.
Musik machen, in Bands spielen, Songs
schreiben war jedenfalls ein probates Mittel, meiner Unruhe Herr zu
werden. Bei Aúftritten mit Bands immer mit dem angenehmen
Nebeneffekt, dass stest hübsche Mädchen im Publikum - oftmals sogar
in der ersten Reihe - saßen und uns anhimmelten als wären wir Mick
Jagger oder Shakin' Stevens oder so. Dabei war mein Musikerspitzname
alles andere als erotisch. "100 Kilo Blues" oder später "Der
blade Blues-Bertl" nannte man mich (auch) später in großen Combo
namens The JoeJoes noch, als ich von Gitarre zum E-Bass wechselte und
gelegentlich auch die Bluesharp spielte und eigen-kompositorisch
Blues- oder Bluesrock-Songs beisteuerte. Neben mir tat dies nur der
Gitarrist. Alle anderen Songs, die wir als Neun-Mann-Combo darboten
waren Cover-Songs; vorwiegend aus einer Zeit, als Musik tatsächlich
noch Handwerk war. Nix Voice-Autotune, nix Drum-Computer. Wir hatten
unseren Computer hinter der Schlagwerk-Batterie sitzen: Michi, das
lebende Metronom.
Viele Jahre waren es, die wir gemeinsam
auf der Bühne standen, von Kirtagen über Feuerwehrfeste, Bälle,
Jugend-Partys, Heurigen-Nachmittagen mit Kaffee und Kuchen. Es ware
eine der besten Zeiten meines Lebens. Da interessierten mich die
Mädels im Publikum nicht mehr. Da war M. Und in die war ich damals
schon ziemlich verknallt. Sie war immer da, half Instrumente und
sonstiges Equipement zu schleppen, war Seelentröster, wenn es mal
nicht so gut lief und war Korrektiv und Wachhund zugleich. Da wir vom
Norden Wiens bis in den Norden des Weinviertels viele Venues
bespielten, waren wir mit dem Auto unterwegs. Entweder achtete M.
Darauf, dass ich nichts trinke, oder sie kam mit dem öffentlichen
Verkehrsmitteln zum Veranstaltungsort und fuhr nach der Veranstaltung
mit meinem Auto. Damals hatte ich das Gefühl, bald irgendwie
sesshaft zu werden - innerlich halt, ohne dieser Unruhe. Die
Geschichte hatte jedoch ein anderes Schicksal geplant.
Bretter, die die Welt bedeuten
Dann flammte parallel meine alte Liebe wieder auf: Die Liebe zu Literatur und Theater, dessen Beweglichkeit - körperlich und geistig - mich stets faszinierte. Diese Kombination aus (Text-)Literatur und Bewegung (auf der Bühne) katapultierten mich stets in eine andere Innen- und Außenwelt. Erst kürzlich sah eine dramatisierte Fassung des Thomas Bernhard Romans "Die Auslöschung" im Wiener Burgtheater. Es war wieder einmal - nach langer Abstinenz als früher regelmäßiger Theatergeher - eine Offenbarung. Literarisch sowieso, von der Darstellung und der Inszenierung einzigartig hervorragend.Oder vor längerer zeit eine Hamlet-Inszenierung, auch am Wiener Burgtheater. Als Kurzfassung inszeniert, so das Programmheft, konnte ich dennoch den Monolog geniessen. "Es ist was faul im Staate Dänemark". Aber, hat sich schon mal jemand darüber Gedanken gemacht, warum ein britischer Autor eines seiner wichtigsten Dramen in Dänemakrk spielen lässt? Ich mir schon, bin aber bis heute nicht hinter das Geheimnis gekommen, obwohl ich das mal studiert habe. Aber es hat ebenso wie die Musik geholfen, meiner manchmal unerträglichen Unruhe zu entkommen.
"Der Hund ist dir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde" (Arthur Schoopenhauer)

Und dann waren da die Hunde. Ich bin am
Bauernhof der Großeltern väterlicherseits mit Hunden aufgewachsen,
manchmal waren sie mir unheimlich. Später als Gymnasiast wurde ich
von einem Hund - na ja, nicht unbedingt gebissen, aber jedenfalls
körperlich ungut attakiert. Da hatte ich lange Zeit Angst vor
Hunden. Bis sie kam: Stella: eine Langstockhaar-Schäferhündin aus
dem Tierheim. Und da kam Bewegung rein. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Zwei bis dreimal pro Tag spazieren, Tricks üben, Spielen. Regelmäßig
füttern. Verantwortung übernehmen. Leider war Stella nicht lange
bei mir.
Dann kam Luna, eine Mischlingshündin;
der Tierarzt vermutete, dass da ein Rhodesian ridgeback und ein
Retriever drinnen waren. Bewiesen ist das nicht; ein DNA Test wäre
eindeutig zu teuer gewesen. In Wahrheit war es ja auch egal. Luna war
Luna. Zuhause lieb, draussen, wie man so schön sagt, eine "Kretz'n"
- im Umgang mit anderen Hunden. Also ging ich mit ihr zum
Einzeltraining; und tatsächlich habe ich es mit Unterstützung des
Hundetrainers Karl-Heinz geschafft, aus ihr eine halbwegs, situativ
kontrollierbare Hündin zu machen. Dann kam der Zweithund. Meine
heutige Ex-Frau entdeckte ein Inserat zur Welpenabgabe aus einer
privaten "Unfall-"Zucht. Ein Beagle-Bub namens Mickey. Mit Luna
verstand er sich hervorragend und als baldigst machten sie zu zweit
den Garten unsicher. Leider erkrankte Mickey an Epilepsie, weshalb
das Spielen im Garten kontrolliert werden musste. Luna wurde älter,
Mickey wurde krank – hallo Medikamentenkosten. Aber das war mir
egal, mir halfen sie, durch ihren eigenen Bewegungsdrang meine eigene
innere Unruhe in Zaum zu halten.
Eines Tages kam meine heutige Ex-Frau
auf den Gedanken "Wenn ich nochmal einen Beagle finde, dann nehme
ich den." Ich fand Emil am Institut für Futtermitteltests an der
Veterinärmedizinischen Universität Wien. Er war einer von acht
Welpen aus dem letzten Wurf, bevor das Institut schliessen musste.
Wir haben ihn besucht, ich war hin und weg von ihm, und der Kleine
sichtlich auch von mir. Noch am selben Tag gab ich die Zusage, ihn am
Folgetag zu holen.
Ich transportierte ihn in einer
Gemüsekiste, die ich mit einer Decke ausgekleidet hatte, nach Hause.
Er übergab sich zwe mal, Kiste und Decke mussten entsorgt werden.
Luna hatte ihn sofort ins Herz geschlossen; irgendwie überkam mich
das Gefühl, sie würde Mutterinstinkte entwickeln. Mickey war
skeptisch und eifersüchtig. Es dauerte ein paar Wochen bis ihre
Freundschaft begann und sie sich im Garten gegenseitig jagten und in
einem Körbchen schliefen.
Zwei jahre lang habe ich zwei mal
wöchentlich mit dem #BeagleEmil in der Hundeschule verbracht. Er
wurde immer mehr zu "meinem" Hund, obwohl sie ihn wollte. Und,
das ist er immer noch. Bei der Scheidung war klar, er geht mit mir.
Er ist mein Seelenhund. So einen wie den Emil, sowas findest nicht
mehr in meinem Leben. Er wird immer meine große Liebe sein, ganz
egal, ob und welcher Hund nach ihm in mein Leben kommt.
Luna und Mickey sind mittlerweile im
Hundehimmel. Das weiß ich aus dritter Hand, da meine Ex-Frau es
nicht für Wert befunden hat, mich über das Ableben der Tiere zu
informieren. Na ja, wahrscheinlich ist ihr die Whatsapp-Nachricht aus
Cleveland über das große Wasser zu teuer. Grins.
Oans, zwoa, gsuffa

Und dann kam der Alkohol. Irgendwann,
irgendwie hat sich dann der Alkohol eingeschlichen. Am Anfang war es
ein Belohungs-Frustrations-Spiel. Einfach erklärt: Hatte ich einen
guten Arbeitstag mit entsprechendem Umsatz hinter mich gebracht, gabs
als Belohnung einen doppelten Wodka oder Weinbrand. War der Tag
schlecht oder anders als erwartet gelaufen, gab es zur
Frustrationsminderung einen doppelten Wodka oder Weinbrand. Beide
Varianten dieses Trinkverhaltens sprechen die gleiche Hirnregion an;
gemeinhin als Belohnungssystem - präfrontaler Kortex - bezeichnet,
gilt aber im umgekehrten Falle genauso. Gleichzeitig bemerkte ich,
dass Alkohol mich "runter brachte", egal, ob ich föhlich und
glücklich oder frustriert und zornig war.
Das hat mit den Wirkungen des Alkohols
auf das Gehirn zu tun. Alkohol senkt die Gehirnaktivität; er sediert
das denken. Langfristig - und da sprechen wir von mehreren
Jahrzehnten des starken Konsums - führt Alkohol zum Schrumpfen der
Gehirnmasse. Gleichzeitig gehen Erinnerungs- und Merkfähigkeit sowie
die Fähigkeit des komplexen Denkens verloren. Ehrlich brutal gesagt,
man verblödet Schritt für Schritt. Und das mit der sinkenden
Konzentrations- und Merkfähigkeit habe ich schon nach fünf bis
sieben Jahren massiven Alkoholkonsums an mir selbst bemerkt - bereits
in der Anstalt und nach langer Nüchtern-Phase sowieso ganz bewusst.
So wusste ich bespielsweise am Folgetag nicht mehr, was ich am Vortag
zu Mittag gegessen hatte. Ich vergaß Namen von Menschen, mit denen
ich jahrelang zusammengearbeitet hatte, sowie Zusammenhänge von
Dingen, die ich mal gelernt oder studiert hatte.
All das, nur um mein Gehirn ruhig zu
stellen und aus dem Unruhe-Geist Dasein raus zukommen. Ein hoher
Preis, den ich da gezahlt habe.
Heute schöpfe ich aus dem Tun und
Schaffen Kraft und habe gelernt, meine innere Unruhe in kreative und
produktive Bahnen zu lenken. Eines nach dem anderen, nicht alles
gleichzeitig. Entgegen aller Management-Theorien: der Mensch ist
nicht für Multitasking geschaffen, sondern für Fokussierung. Also:
Einen Song schreiben; dem #BeagleEmil neue Tricks beibringen und mich
regelmäßig mit ihm gemeinsam draußen zu bewegen; Hamlet
rezitieren; einen Text schreiben; meinen Blog pflegen; vor Menschen
über die Gefahren des Alkohols zu sprechen.
Immer eines nach dem anderen. Schritt für Schritt.
Vielleicht hätte
ein Psychiater oder Psychotherapeut früher das
Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) bei mir
diagnostiziert und mich entsprechend medikamentös mit Ritalin
oder Atomoxetin behandelt. Eine Mode-Diagnose. Ein
österreichischer Schauspieler, für den sich keiner mehr
interessiert hat, hat plötzlich ADHS und kommt so wieder in die
Medien, schreibt ein Buch. Na ja. Lassen wir das so stehen.
Vielfach stecken
dahinter - also einem solchen Verhalten - andere psychische
Prädispositionen. Interessiert einen Psychiater vielfach oder
oftmals nicht; schließlich bekommt er ja für jedes verschriebene
Medikament Geld vom Krankenkassensystem. Also ein moderner Dealer
sozusagen. Ich kenne einen Fall einer damals jungen Dame, bei der
ADHS diagnostiziert wurde. Sie wirkte in der Schule gelangweilt - die
Lehrer deuteten dies als Desinteresse - konnte oder wollte nie ruhig
sitzen, die schulischen Leistungen gingen in Richtung Boden. Erste
Diagnose: ADHS. Bis ein gescheiter Therapeut auf die Idee kam: Hallo,
da steckt was anderes dahinter. Und ja, es stellte sich heraus, sie
war hochbegabt. Daher Langeweile und Unruhe.
Aus Erfahrung aus
der Anstalt und unzähligen Therapeutengesprächen aus außerhalb der
Anstalt: Nachfragen, nachfragen, nachfragen und Mehrfach-Meinungen
einholen. Und glaube niemals selbsternannten Propheten.
Fotos: Bernd Klaus Achter