Über die Arbeitslosigkeit Pt.2

Heute war ich wieder im Sozialmarkt.
Selbstverständlich nur, weil ich mir zuvor im Supermarkt das
Mineralwasserpfand auszahlen ließ. Mit dem Überbleibsel der
Vorwoche hatte nun Euro 2,05 zur Verfügung. Ausbeute: Zwei Laib
Brot, die ich umgehend portionierte und im Tiefkühler verstaut habe,
zwei Kornspitz für das heutige Abendessen und zwei Joghurt mit der
Ecke (Schokostreusel!) als Basis für zwei Tage Müsli zum Frühstück,
das ich auch gelegentlich im Sozialmarkt für einen Euro per 500
Gramm kaufe.
Ohne Sozialmarkt, der elterlichen
Unterstützung sowie mancher Mitbringsel meiner Liebsten wäre mein
Leben unleistbar. Denn mit dem Hauch von Nichts, den ich vom Staat
bekomme, läßt es sich nicht "über-"leben, von "Leben" kann
da gar nicjht die Rede sein. Nur zur Erläuterung: Ich habe 34 Jahre
lang in unser "System" einbezahlt. In den zwanzig Jahren meiner
Selbständigkeit nicht zu knapp. Als Dank dafür kann ich mir nicht
einmal einen Wochenend-Einkauf im regulären Supermarkt leisten und
bin eben auf den Sozialmarkt angewiesen.
Aber nicht jammern, ist die Devise,
einfach was tun. Und ich tue, indem ich schreibe. Nicht unbedingt
andauernd über meine Arbeitslosigkeit, schließlich will ich nicht
sudern, sonder über das Thema, das mich in den letzten Jahren massiv
beschäftigt hat: Alkohol.
Wenn man gelangweilt, frustriert und
dann doch mal Euro 6,99 in der Tasche hat, war der Weg zum Supermarkt
vorgezeichnet. Mit Rabattpickerl bewaffnet, konnte ich so eine
Flasche Billig-Wodka um Euro 5,24 erstehen. Der Tag war gerettet, der
Rausch war vorprogrammiert. Da ging es einfach nur um's Ausklinken
aus der Realität. Klassischer Fall von Eskapismus. Nach zwei, drei
größeren Schluck Wodka war alles rundum zur Nebensache degradiert.
Nur Ausklinken und vergessen. Dauerhafte Lösung war und ist dies
natürlich nicht, aber wer denkt da schon an weiterreichende Folgen?
Komplexer Zusammenhang
Der Zusammenhang von übermäßigem
Alkoholkonsum und Arbeitslosigkeit ist komplex und wechselseitig
bedingt. Auch so eine Henne-Ei-Frage?! Denn wir sprechen hierbei von
Mehrfach-Belastungen.
Zuvorderst ist da die psychische
Belastung, da Arbeitslosigkeit ein signifikantes Stressereignis
darstellt, das zu negativen psychosozialen Effekten wie Angst,
Depressionen, vermindertem Selbstwertgefühl, Lebensunzufriedenheit
und sozialer Isolation führen kann. Alkohol wird dann oftmals dann
als ungesundes Bewältigungsstrategie eingesetzt. Negative Gefühle
sollen betäubt oder zu verdrängt werden.
Dazu kommt der Verlust von Struktur und
Sinn. Schließlich bietet die Arbeitswelt Struktur, (meist)
sinnstiftende Tätigkeiten und soziale Kontakte. Der Verlust des
Arbeitsplatzes kann zu einem Gefühl der Leere und des
Kontrollverlusts führen, was den Griff zu Alkohol begünstigen kann.
Und schließlich sind da die
finaziellen Sorgen. Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes geht immer
auch ein finazieller Rückschritt einher. Was zuvor
selbstverständlich war, etwa ein ausgiebiger Wochenend-Einkauf, ein
verlängertes Wochenende in einem Thermenhotel oder gar ein längerer
Urlaub in den Bergen oder am Meer bleiben nun unerfüllter Wunsch und
Sehnsucht zugleich. Da trösten auch Dokumentaionen in den einzelnen
Fernsehprogrammn nicht darüber hinweg. Emotionaler Stress kommt auf
– und immer wenn Stress im Spiel ist, erhöht sich (nicht
zwangsweise bei jedem/r, bitte individuell) möglicherweise auch der
Alkoholkonsum.
Studien und Untersuchungen wie etwa dem
Suchtmittelreport zeigen, dass das erstmalige Auftreten von
Alkoholmissbrauch bei arbeitslos Gewordenen deutlich höher sein kann
(!!) als bei Erwerbstätigen. Besonders bei Männern sei
diesbezüglich ein erhöhter Bedarf an Prävention und Behandlung von
Alkoholproblemen bei Arbeitslosigkeit festzustellen.
Alkoholmissbrauch als Hindernis. No, na.
Arbeitslose mit ausgeprägter
Substanzproblematik haben schlechtere Ausgangsbedingungen bei der
Jobsuche, auch durch ein stets präsentes Rückfallrisiko nach einer
Suchtbehandlung. Chronische und ausgeprägte Alkoholprobleme sind ein
Hindernis für die berufliche Reintegration.
Zudem sind Alkoholmissbrauch und
Alkoholkrankheit mit Stigmatisierung verbunden. Dies kann die Suche
nach einem Arbeitsplatz zusätzlich erschweren, da Arbeitslosigkeit
selbst bereits als Stigma wahrgenommen wird. Und vor allem: einem
Alkoholiker traut man nicht, auch wenn er schon lange trocken ist.
Umgekehrt werden Erwerbstätige mit
Substanzproblematik eher arbeitslos, entwickeln in weiterer Folge der
Arbeitslosigkeit eine noch höhere Abhängigkeit, was wiederum die
beruflichen Reintegrationschancen mindert. Also die berühmte Katze,
die sich in den Schwanz beißt.
Nur nicht über einen Kamm scheren
Nicht
alle Arbeitslosen entwickeln Suchtprobleme. Viele verändern ihr
Konsumverhalten nicht wesentlich, auch nicht bei länger anhaltender
Arbeitslosigkeit. Vielleicht, weil sdiese Personen etwa andere
Sinn-stiftende Aufgaben für sich entdeckt haben. Ob es zu einer
Abhängigkeit kommt, hängt stark von oben genannten Faktoren, der
psychischen Prädisposition sowie dem verfügbaren sozialen Umfeld
ab.
Dabei
ist die Datenlage zum Alkoholkonsum bei Arbeitslosen ist nicht immer
eindeutig und auch in Studien nicht eindeutig fest zu machen. Während
einige der wenig bis gar nicht verfügbaren Studien und damit nahezu
keinerlei verfügbaren validen Daten einen Zusammenhang feststellen,
zeigen andere keinen signifikant höheren riskanten Alkoholkonsum von
Arbeitslosen.
Suchtexperten
der einschlägigen Sucht- und Entzugskliniken fordern hier, was für
jeden Teilaspekts des (möglichen) Alkoholmissbrauchs wichtig ist:
Prävention. Vorsicht ist besser als Nachsicht.
Angesichts
des Risikos für Suchtprobleme bei Arbeitslosigkeit ist ein erhöhter
Bedarf an Präventionsmaßnahmen, Aufklärung und möglicher
notwendiger Behandlung erforderlich. Daher fordern Suchtexperten,
dass BetreuerInnen in der Arbeitsvermittlung und -integration - in
Österreich das AMS und wenige gemeinnützige Organisationen -
gezielt im Umgang mit suchtkranken Menschen geschult und
gegebenenfalls auch mit Suchtfachstellen vernetzt werden.
Aber
das erklären sie mal dem österreichischen Arbeitsmarktservice,
dessen Geschäftsführer ja lieber eine zweite Laufbahn als DJ
anstrebt.
P.S.:
Ach ja,nch was zum Thema Sozialmarkt. Während ich als Arbeitsloser
aus finanziellen Gründem mein Auto schon lange verkauft habe und aus zwei bis
fünf Euro im Hosensack das Maximum an Einkäufen raushole, fahren
die mit Kriegsflüchtling-Sonderstatus titulierten Personen mit
protzigen SUV's beim Sozialmarkt vor. Mit der Mindestsicherung vom
Staat Österreich. Noch nie ins System einbezahlt, aber voll einen
rauskotzen. Danke Österreich.
Und,
über den Asiaten, der wöchentlich Samstags mit einem
"Monster"-Pickup beim Sozialmarkt vorfährt, möchte ich mich
jetzt nicht weiter auslassen.
Foto: Free Stock Pexels