Über die Arbeitslosigkeit Pt.2

16.07.2025

Heute war ich wieder im Sozialmarkt. Selbstverständlich nur, weil ich mir zuvor im Supermarkt das Mineralwasserpfand auszahlen ließ. Mit dem Überbleibsel der Vorwoche hatte nun Euro 2,05 zur Verfügung. Ausbeute: Zwei Laib Brot, die ich umgehend portionierte und im Tiefkühler verstaut habe, zwei Kornspitz für das heutige Abendessen und zwei Joghurt mit der Ecke (Schokostreusel!) als Basis für zwei Tage Müsli zum Frühstück, das ich auch gelegentlich im Sozialmarkt für einen Euro per 500 Gramm kaufe.
Ohne Sozialmarkt, der elterlichen Unterstützung sowie mancher Mitbringsel meiner Liebsten wäre mein Leben unleistbar. Denn mit dem Hauch von Nichts, den ich vom Staat bekomme, läßt es sich nicht "über-"leben, von "Leben" kann da gar nicjht die Rede sein. Nur zur Erläuterung: Ich habe 34 Jahre lang in unser "System" einbezahlt. In den zwanzig Jahren meiner Selbständigkeit nicht zu knapp. Als Dank dafür kann ich mir nicht einmal einen Wochenend-Einkauf im regulären Supermarkt leisten und bin eben auf den Sozialmarkt angewiesen.
Aber nicht jammern, ist die Devise, einfach was tun. Und ich tue, indem ich schreibe. Nicht unbedingt andauernd über meine Arbeitslosigkeit, schließlich will ich nicht sudern, sonder über das Thema, das mich in den letzten Jahren massiv beschäftigt hat: Alkohol.
Wenn man gelangweilt, frustriert und dann doch mal Euro 6,99 in der Tasche hat, war der Weg zum Supermarkt vorgezeichnet. Mit Rabattpickerl bewaffnet, konnte ich so eine Flasche Billig-Wodka um Euro 5,24 erstehen. Der Tag war gerettet, der Rausch war vorprogrammiert. Da ging es einfach nur um's Ausklinken aus der Realität. Klassischer Fall von Eskapismus. Nach zwei, drei größeren Schluck Wodka war alles rundum zur Nebensache degradiert. Nur Ausklinken und vergessen. Dauerhafte Lösung war und ist dies natürlich nicht, aber wer denkt da schon an weiterreichende Folgen?

Komplexer Zusammenhang

Der Zusammenhang von übermäßigem Alkoholkonsum und Arbeitslosigkeit ist komplex und wechselseitig bedingt. Auch so eine Henne-Ei-Frage?! Denn wir sprechen hierbei von Mehrfach-Belastungen.
Zuvorderst ist da die psychische Belastung, da Arbeitslosigkeit ein signifikantes Stressereignis darstellt, das zu negativen psychosozialen Effekten wie Angst, Depressionen, vermindertem Selbstwertgefühl, Lebensunzufriedenheit und sozialer Isolation führen kann. Alkohol wird dann oftmals dann als ungesundes Bewältigungsstrategie eingesetzt. Negative Gefühle sollen betäubt oder zu verdrängt werden.
Dazu kommt der Verlust von Struktur und Sinn. Schließlich bietet die Arbeitswelt Struktur, (meist) sinnstiftende Tätigkeiten und soziale Kontakte. Der Verlust des Arbeitsplatzes kann zu einem Gefühl der Leere und des Kontrollverlusts führen, was den Griff zu Alkohol begünstigen kann.
Und schließlich sind da die finaziellen Sorgen. Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes geht immer auch ein finazieller Rückschritt einher. Was zuvor selbstverständlich war, etwa ein ausgiebiger Wochenend-Einkauf, ein verlängertes Wochenende in einem Thermenhotel oder gar ein längerer Urlaub in den Bergen oder am Meer bleiben nun unerfüllter Wunsch und Sehnsucht zugleich. Da trösten auch Dokumentaionen in den einzelnen Fernsehprogrammn nicht darüber hinweg. Emotionaler Stress kommt auf – und immer wenn Stress im Spiel ist, erhöht sich (nicht zwangsweise bei jedem/r, bitte individuell) möglicherweise auch der Alkoholkonsum.
Studien und Untersuchungen wie etwa dem Suchtmittelreport zeigen, dass das erstmalige Auftreten von Alkoholmissbrauch bei arbeitslos Gewordenen deutlich höher sein kann (!!) als bei Erwerbstätigen. Besonders bei Männern sei diesbezüglich ein erhöhter Bedarf an Prävention und Behandlung von Alkoholproblemen bei Arbeitslosigkeit festzustellen.

Alkoholmissbrauch als Hindernis. No, na.

Arbeitslose mit ausgeprägter Substanzproblematik haben schlechtere Ausgangsbedingungen bei der Jobsuche, auch durch ein stets präsentes Rückfallrisiko nach einer Suchtbehandlung. Chronische und ausgeprägte Alkoholprobleme sind ein Hindernis für die berufliche Reintegration.
Zudem sind Alkoholmissbrauch und Alkoholkrankheit mit Stigmatisierung verbunden. Dies kann die Suche nach einem Arbeitsplatz zusätzlich erschweren, da Arbeitslosigkeit selbst bereits als Stigma wahrgenommen wird. Und vor allem: einem Alkoholiker traut man nicht, auch wenn er schon lange trocken ist.
Umgekehrt werden Erwerbstätige mit Substanzproblematik eher arbeitslos, entwickeln in weiterer Folge der Arbeitslosigkeit eine noch höhere Abhängigkeit, was wiederum die beruflichen Reintegrationschancen mindert. Also die berühmte Katze, die sich in den Schwanz beißt.

Nur nicht über einen Kamm scheren

Nicht alle Arbeitslosen entwickeln Suchtprobleme. Viele verändern ihr Konsumverhalten nicht wesentlich, auch nicht bei länger anhaltender Arbeitslosigkeit. Vielleicht, weil sdiese Personen etwa andere Sinn-stiftende Aufgaben für sich entdeckt haben. Ob es zu einer Abhängigkeit kommt, hängt stark von oben genannten Faktoren, der psychischen Prädisposition sowie dem verfügbaren sozialen Umfeld ab.
Dabei ist die Datenlage zum Alkoholkonsum bei Arbeitslosen ist nicht immer eindeutig und auch in Studien nicht eindeutig fest zu machen. Während einige der wenig bis gar nicht verfügbaren Studien und damit nahezu keinerlei verfügbaren validen Daten einen Zusammenhang feststellen, zeigen andere keinen signifikant höheren riskanten Alkoholkonsum von Arbeitslosen.
Suchtexperten der einschlägigen Sucht- und Entzugskliniken fordern hier, was für jeden Teilaspekts des (möglichen) Alkoholmissbrauchs wichtig ist: Prävention. Vorsicht ist besser als Nachsicht.
Angesichts des Risikos für Suchtprobleme bei Arbeitslosigkeit ist ein erhöhter Bedarf an Präventionsmaßnahmen, Aufklärung und möglicher notwendiger Behandlung erforderlich. Daher fordern Suchtexperten, dass BetreuerInnen in der Arbeitsvermittlung und -integration - in Österreich das AMS und wenige gemeinnützige Organisationen - gezielt im Umgang mit suchtkranken Menschen geschult und gegebenenfalls auch mit Suchtfachstellen vernetzt werden.
Aber das erklären sie mal dem österreichischen Arbeitsmarktservice, dessen Geschäftsführer ja lieber eine zweite Laufbahn als DJ anstrebt.

P.S.: Ach ja,nch was zum Thema Sozialmarkt. Während ich als Arbeitsloser aus finanziellen Gründem mein Auto schon lange verkauft habe und aus zwei bis fünf Euro im Hosensack das Maximum an Einkäufen raushole, fahren die mit Kriegsflüchtling-Sonderstatus titulierten Personen mit protzigen SUV's beim Sozialmarkt vor. Mit der Mindestsicherung vom Staat Österreich. Noch nie ins System einbezahlt, aber voll einen rauskotzen. Danke Österreich.
Und, über den Asiaten, der wöchentlich Samstags mit einem "Monster"-Pickup beim Sozialmarkt vorfährt, möchte ich mich jetzt nicht weiter auslassen.

Foto: Free Stock Pexels


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