Psychohygiene

25.10.2025

Wenn ich etwas in der Anstalt und den entsprechenden Therapiestunden gelernt habe, ist es, Dinge und Personen, die mir nicht gut tun, von mir fern zu halten oder gänzlich aus meinem Leben aus zu sortieren.
Ich und meine Meinung, zu der ich stehe muss nicht gemocht werden, jedoch jedenfalls respektiert. Und wenn kein Respekt da ist, gibt es keinen Grund, etwa über Facebook befreundet zu sein. Vor allem dann nicht, wenn Dinge über mich verbreitet werden, die der Verbreiter allenfalls aus zweiter, dritter oder vierter Hand zu wissen glaubt und diese dann noch ungeniert über Facebook verbreitet. Entfreundet. Ganz einfach. Und ja, es gibt ihn noich: den höchst persönlichen Lebensbereich und die üble Nachrede. Verstöße gegen diese Rechtsumstände sind klagbar. Auch, wenn es sich "nur" um einen Facebook-Post handelt. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.
So sortiere - "entfriende" - Personen, die mir gar nicht gut tun und für meine seelische und mentale Entwicklung nach der Anstalt kontraproduktiv sind und destruktiv wirken.
Dieses fernhalten und aussortieren gilt aber nicht nur für Social Media; auch im realen Leben setzte und setze ich das um. Als ich unlängst mit meinem Beagle Emil durch die Straßen meiner Heimatstadt schlenderte, lief mir ein - na, sagen wir, einstmals - guter Freund über den Weg, schaut mir aus rund zehn bis fünfzehn Metern ins Gesicht bzw. die Augen, dreht sich weg und schreitet von dannen. Aussortiert. Heißt auch: Sein Name findet im meinem Telefonspeicher keinen Platz mehr.
Früher, also vor der Anstalt oder gar in betrunkenem Zustand hätte ich mich geärgert, wäre beleidigt oder gar traurig über so ein Verhalten. Mittlerweile geht so was an mir vorbei.
Verändert hat sich durch die Therapiegespräche und solche Erlebnisse auf jeden Fall meine Distanzzone, geistig wie körperlich. Sie würde nur noch größer, als sie ohnehin schon war. Ich lasse Menschen, von denen ich glaube, dass sie mir nicht gut tun, erst gar nicht an mich heran. Sollte ich mich doch einmal irren, wird die betreffende Person einfach aussortiert.
Und das alles hat nichts mit Egoismus, Egozentrik oder gar Narzissmus zu tuzn. Obwohl, ein gesunder Egoismus ist notwendig, um auf sich selbst schauen und in Würde leben zu können. Und das ist etwas, was man in den Therapiestunden in der Anstalt (wieder-)erlernt. Di eigene Würde, Selbstachtung und Selbstvertrauen wieder zu bekommen. Mit zunehmendem Alkoholgenuss verliert man seine Würde und in "lichten" Momenten auch seine Selbstachtung, weil man ja in Wahrheit weiß, dass das so nicht gut ist.
Abedr das mit dem Neudenken, Aussortieren geht auch nicht von jetzt auf gleich. Die Neuausrichtung seines eigenen Wertekatalogs ist auch nicht mit einigen therapeutischen Gesprächen in der Anstalt abgetan. Es ist ein länger dauernder Prozess, der über die dauer des Aufenthaltes in der Anstalt hinausgeht. Vielleicht ist es aber auch nur eine Rückbesinnung auf ein Gefüge, das vor dem Alkoholmissbrauch ohnehin schon da war, durch den Suff aber verschüttet wurde. Schlussendlich geht es nur darum, was will ich und was nicht, was lasse ich zu und was nicht, wen lasse ich wie nahe an mich heran oder auch nicht, wie viel kann ich tolerieren und wo ist die mentale Schmerzgrenze.
Aber es sind nicht nur Menschen, die ich aus meinem Leben aussortiert habe. Es waren auch Dinge dabei, die in der Wohnung herum standen, Platz benötigten und niemandem etwas nutzten. Außer vielleicht, um Traurigkeit zu verbreiten, weil sie an eine verflossene Liebe, an die verstorbenen Großeltern oder sonst wen erinnerten. Also: weg damit. Auf der Deponie ist Platz genug für Schrott. Ich habe Bücher und CDs aussortiert und in die Gratis-Bücher-Telefonzelle gebracht. Vielleicht hat irgendjemand auf dieser Welt noch Freude damit. Mir haben sie keine mehr bereitet.
Dieser Prozess des Aussortierens, diese Fernhalten von etwas oder jemandem ist ein wichtiger Akt der Psychohygiene, den man auch ohne einem Entzugs-Aufenthalt in der Anstalt hin und wieder vollziehen sollte. Für mich hat sich der Aufenthalt in der Anstalt dafür angeboten. Wenn ich schon das Trinken aufgeben möchte, dann möchte ich auch Menschen aufgeben, die mir einfach nicht gut tun und Dinge loswerden, die nicht mehr zu gebrauchen sind.


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