Psychohygiene

Wenn ich etwas in der Anstalt und den
entsprechenden Therapiestunden gelernt habe, ist es, Dinge und
Personen, die mir nicht gut tun, von mir fern zu halten oder gänzlich
aus meinem Leben aus zu sortieren.
Ich und meine Meinung, zu der ich stehe
muss nicht gemocht werden, jedoch jedenfalls respektiert. Und wenn
kein Respekt da ist, gibt es keinen Grund, etwa über Facebook
befreundet zu sein. Vor allem dann nicht, wenn Dinge über mich
verbreitet werden, die der Verbreiter allenfalls aus zweiter, dritter
oder vierter Hand zu wissen glaubt und diese dann noch ungeniert über
Facebook verbreitet. Entfreundet. Ganz einfach. Und ja, es gibt ihn
noich: den höchst persönlichen Lebensbereich und die üble
Nachrede. Verstöße gegen diese Rechtsumstände sind klagbar. Auch,
wenn es sich "nur" um einen Facebook-Post handelt. Das Internet
ist kein rechtsfreier Raum.
So sortiere - "entfriende" -
Personen, die mir gar nicht gut tun und für meine seelische und
mentale Entwicklung nach der Anstalt kontraproduktiv sind und
destruktiv wirken.
Dieses fernhalten und aussortieren gilt
aber nicht nur für Social Media; auch im realen Leben setzte und
setze ich das um. Als ich unlängst mit meinem Beagle Emil durch die
Straßen meiner Heimatstadt schlenderte, lief mir ein - na, sagen
wir, einstmals - guter Freund über den Weg, schaut mir aus rund zehn
bis fünfzehn Metern ins Gesicht bzw. die Augen, dreht sich weg und
schreitet von dannen. Aussortiert. Heißt auch: Sein Name findet im
meinem Telefonspeicher keinen Platz mehr.
Früher, also vor der Anstalt oder gar
in betrunkenem Zustand hätte ich mich geärgert, wäre beleidigt
oder gar traurig über so ein Verhalten. Mittlerweile geht so was an
mir vorbei.
Verändert hat sich durch die
Therapiegespräche und solche Erlebnisse auf jeden Fall meine
Distanzzone, geistig wie körperlich. Sie würde nur noch größer,
als sie ohnehin schon war. Ich lasse Menschen, von denen ich glaube,
dass sie mir nicht gut tun, erst gar nicht an mich heran. Sollte ich
mich doch einmal irren, wird die betreffende Person einfach
aussortiert.
Und das alles hat nichts mit Egoismus,
Egozentrik oder gar Narzissmus zu tuzn. Obwohl, ein gesunder Egoismus
ist notwendig, um auf sich selbst schauen und in Würde leben zu
können. Und das ist etwas, was man in den Therapiestunden in der
Anstalt (wieder-)erlernt. Di eigene Würde, Selbstachtung und
Selbstvertrauen wieder zu bekommen. Mit zunehmendem Alkoholgenuss
verliert man seine Würde und in "lichten" Momenten auch seine
Selbstachtung, weil man ja in Wahrheit weiß, dass das so nicht gut
ist.
Abedr das mit dem Neudenken,
Aussortieren geht auch nicht von jetzt auf gleich. Die Neuausrichtung
seines eigenen Wertekatalogs ist auch nicht mit einigen
therapeutischen Gesprächen in der Anstalt abgetan. Es ist ein länger
dauernder Prozess, der über die dauer des Aufenthaltes in der
Anstalt hinausgeht. Vielleicht ist es aber auch nur eine
Rückbesinnung auf ein Gefüge, das vor dem Alkoholmissbrauch ohnehin
schon da war, durch den Suff aber verschüttet wurde. Schlussendlich
geht es nur darum, was will ich und was nicht, was lasse ich zu und
was nicht, wen lasse ich wie nahe an mich heran oder auch nicht, wie
viel kann ich tolerieren und wo ist die mentale Schmerzgrenze.
Aber es sind nicht nur Menschen, die
ich aus meinem Leben aussortiert habe. Es waren auch Dinge dabei, die
in der Wohnung herum standen, Platz benötigten und niemandem etwas
nutzten. Außer vielleicht, um Traurigkeit zu verbreiten, weil sie an
eine verflossene Liebe, an die verstorbenen Großeltern oder sonst
wen erinnerten. Also: weg damit. Auf der Deponie ist Platz genug für
Schrott. Ich habe Bücher und CDs aussortiert und in die
Gratis-Bücher-Telefonzelle gebracht. Vielleicht hat irgendjemand auf
dieser Welt noch Freude damit. Mir haben sie keine mehr bereitet.
Dieser Prozess des Aussortierens, diese
Fernhalten von etwas oder jemandem ist ein wichtiger Akt der
Psychohygiene, den man auch ohne einem Entzugs-Aufenthalt in der
Anstalt hin und wieder vollziehen sollte. Für mich hat sich der
Aufenthalt in der Anstalt dafür angeboten. Wenn ich schon das
Trinken aufgeben möchte, dann möchte ich auch Menschen aufgeben,
die mir einfach nicht gut tun und Dinge loswerden, die nicht mehr zu
gebrauchen sind.