Kürzungen bei Suchthilfe in Wien

Wien muss sparen. Das ist angesichts
der kolportierten Budget- und Schuldenzahlen klar (das
Budgetdefinizit lag Ende des Jahres 2025 bei rund 5,25 Milliarden
Euro. Quelle: Falter).
Aber, wo beginnt man beim Sparen? Wann und bei wem macht Sparen einen
(nachhaltigen = langfristigen) Sinn?
Sicher nicht bei suchterkrankten
Menschen wie einige Medien wie etwa Falter, Kurier, Profil, ORF oder Moment.at über das Vorhaben der Wiener Stadtregierung berichteten.
Wenn
Budgets, die der Suchthilfe zugedacht waren, um - je nach Quelle - um
15 bis zu 50 Prozent gekürzt werden sollen, frägt man sich als
selbst Betroffener, wer da im Wiener Rathaus mitgedacht hat, oder, ob
dieses Ansinnen irgendwann imNovember des Jahres 2025 im Rahmen einer launigen Runde im Rathauskeller bei
Schweinsbraten und Bier "ausgeschnapst" wurde. Aber, es ist ja
wie so oft im Zuge von proklamierten Sparmaßnahmen: Man setzt bei
den Schwächsten unserer Gesellschaft an. Erinnern wir uns nur an die
Diskussion um die Verteuerung der Fahrkartenpreise für sehbinderte
und blinde Menschen, die sich oftmals - schon allein aufgrund ihrer
Diskriminierung am Arbeitsplatz durch ihre Sehbinderung - nicht mal
den vergünstigten Fahrschein echt leisten können.
Nun soll es den suchterkrankten
Menschen sozusagen "an den Kragen" gehen. Einmal mehr ein Beweis
dafür, das diese Personengruppe nicht zur ersten Klasse der
Gesellschaft gehören. Süchtige halt. Es sieht so aus, als wurde man
diesen vermeintlich zweitklassigen Personen in unserer Chance keine
Chance geben wollen oder diese nicht für Wert dafür befunden würde.
Schlicht und einfach meine persönliche Meinung.
Was passiert bei dieser Kürzung?
a) Es gibt weniger Betreuungsplätze - sowohl für Langfrist-Therapien als auch für die Tageskliniken oder Selbsthilfegruppen (wie etwa beim Anton Proksch Institut oder bei den Anonymen Alkoholikern)
b) Die Betreuungsqualität wird sinken, da aus Kostengründen Personal abgebaut werden muß.
c) Die in den jeweiligen Institutionen verbleibenden Mitarbeiter*innen werden Mehrarbeit leisten müssen, um eine bestimmte Betreuungsqualität einigermaßen aufrecht erhalten zu können. Diese Überarbeitung führt zu Überstressung, Burnout, möglicherweise psychischen Problemen, wie wir es aus dem Krankenpflegebereich bereits zu Genüge kennen. Und plötzlich werden aus Psycholog*innen, Psychotherapeut*innen, Pfleger*innen jene Personen, die selbst therapiert werden müssen, weil sie sonst den Arbeitsalltag nicht mehr bewältigen können.
d) Förderungen für ehrenamtliche Initiativen werden so zurück gestutzt, dass es unmöglich sein wird, einen vernünftigen "Regelbetrieb" aufrecht zu erhalten.
e) Menschen wird nach absolvierter Suchttherapie - egal ob es sich um Alkohol, Tabletten, Spielsucht oder der Einnahme von "harten" Substanzen handelt - der Wiedereinstieg in ein geordneteres Leben schwieriger oder gar unmöglich gemacht.
f) Suchtkranke Menschen werden dadurch alleine gelassen. Der soziale Abstieg kann dadurch wesentlich gefördert werden, ebenso wie die soziale Isolation.
g) Vor allem im Drogenbereich kann es zu einer steigenden Quote von Beschaffungskriminalität kommen. Im Bereich alkoholkranker Menschen ist Beschaffungskriminalität bis auf ganz wenige Ausnahmen eigentlich kein öffentliches Thema, da Alkohol die billigste - noch dazu legitimierte - Droge ist.
h) Es kommt zu einer stärkeren Belastung von Angehörigen und Freunden der suchterkrankten Menschen - emotional, sozial und finanziell. Langfristig können neue Kreisläufe von Armut und Krankheit entstehen, wie etwa die Therapiebedürftigkeit von direkten Angehörigen von Suchtkranken. So bietet beispielsweise das Anton Proksch Institut zur Begleitung Angehöriger suchtkranker - in diesem Falle hauptsächlich alkoholkranker - Menschen an. Aus meiner Erfahrung ist das wichtig, denn oftmals kann niemand das (Mit-)Leid(-en) der Angehörigen nachfühlen, geschweige denn verstehen.
Dies beleuchtetete die Kampagnenorganistation #aufstehn im Aufruf zur Petition "Stoppt den Kahlschlag im Wiener Sucht- und Drogenhilfenetzwerk" sehr deutlich.
Zusammengefasst stellt die Kürzung der
Suchthilfe - egal, welche Suchterscheinung es betrifft - eine
Ohrfeige ins Gesicht der Betroffenen dar und schränkt die
Möglichkeit, wieder ein "freies" Leben führen zu können,
wesentlich ein. Es ist eine Stigmatisierung als Menschen zweiter
Klasse, die – so die Vorurteile – sich nicht in der Hand haben,
willensschwach sind, ohnehin nur den öffentlichen Raum unsicher
machen, das Stadtbild verschandeln.
Dass aber hinter - nahezu - jeder
Suchterkrankung ein persönliches Schicksal, gebrochene Lebensläufe
oder tragische Familiengeschichten stecken, ist den politisch
Verantwortlichen scheinbar egal. Hauptsache, der Schweinsbraten und
das Bier im Rathauskeller schmecken.
Ob dieses Ansehen der Wiener Stadtregierung nun tatsächlich schon beschlossene Sache ist, ließ sich nicht eruieren, auf #aufstehn können Sie die Petition jedenfalls noch unterschreiben. Tun Sie das bitte.
Im Übrigen kam mir zu Ohren, dass das Land Niederösterreich die Suchthilfemittel erhöhen will. Lassen wir uns überraschen.
Foto: Bernd Klaus Achter