Im Dunkel der Nacht

Freund und Feind zugleich. Erlösung und Bedrohung. Sicherheit und Gefar. Himmel und Hölle. Segen und Verdammnis. Das Trinken hat mein Handeln und Denken gespaltet. Fast als wäre ich zwei.
Ich hatte Angst davor schlafen zu gehen. Nicht wegen des Schlafens. Eher wegen der Angst, aus dem Suff nicht mehr aufzuwachen. Nicht mehr ich zu sein, sondern nur mehr eine leere, seelenlose Hülle in einer Holzbox in der Aufbahrungshalle, wo keiner um mich weint, weil ich eh ein Trinker war. Da war die Nacht der Feind.
Auf der anderen Seite war die Nacht mein Freund. Im Dunkel der Nacht habe ich mich aus meinem Zuhause gestohlen, um an der Tankstelle Wodka zu kaufen. Immer zu Zeiten, als "normale" Menschen friedlich in ihren Betten schliefen. Und so konnte ich auch niemanden treffe, der mich kennen könnte, um, als es wieder hell wurde, unangenehm über mich zu sprechen.
So wankte ich mit Restalkohol des Hellen Sonntags mit beginnenden Entzugserscheinungen zur drei Kilimeter entfernten Tankstelle, kaufte ein und wankte frohgemut wieder nach Hause, nicht, ohne zwischendurch an kurzen Stops einen Schluck aus der erstandenen Flasche zu nehmen und mir eine Marlboro aus der eben erworbenen Schachtel Zigaretten zu ziehen. Eine Stunde später saß ich mit der bereits angebrochenen Flasche Wodka und der bereits geöffneten Schachtel Zigaretten auf meinem Sofa und stieß auf meinen Freund die Nacht an.
Aber, eigentlich absurd. Lebt doch eine Takstelle von Mobilität, Menschen fahren vor, um das Auto oder das Motorrad zu betanken, die Reifen mit Luft zu befüllen oder Proviant wie Limonade, Mineralwasser, Brötchen oder Zigaretten zu kaufen. Da im Tankstellenshop und im Straßenverkehr halt Alkohol ja wirklich gar nichts zu tun. Wsie auch immer.
Auch beim Besuch im Supermarkt nutzte ich vor allem in den dunkleren Jahreszeiten Herbst, Winter und den ersten Frühlingsmonaten die Gunst des Dunkeln. Als es kurz nach sieben Uhr morgens machte ich mich im Schutze der Dunkelheit und zu anderen Jahreszeiten im Schutze der Dämmerung auf zu meiner nahezu täglich Tour. Zuerst in die Trafik, um Zigaretten zu kaufen, und pünktlich zur Öffnungszeit des Supermarktes um 7 uhr 15 fiel ich in den Supermarkt ein wie ein wild gewordener Hunne, um eine Flasche Wodka zu "erobern". Und tatsächlich fühlte ich mich so, als hätte ich den Supermarkt nebst ein paar Gymnasialschülern für mich erobert, eine Jagdtrophäe ergattert, einen Was-weiß-ich-wieviel-Ender "geschossen", schlichtweg: Beute gemacht.
Beute machen konnte ich auch abends kurz vor Ladenschluss um 19 Uhr 30 in der Dämmerung oder im Schutz der Dunkelheit. Zigaretten lagen noch am Wohnzimmertisch, also war meine Attacke direkt gegen das Spirituosen-Regal gerichtet. Wodka olé. Egal, ob ich meine Attacke morgens oder Abends schritt, zu diesen Zeiten war niemand unterwegs, der mich kennen könnte. Morgens waren die meisten auf dem Weg zur Arbeit, abends saßen sie mit den Familien beim Abendmahl. Dieses kaufte ich abends oft in Form einer Leberkäsesemmel im Supermarkt. Damit man mir nicht nachsagen könnte, ich sei ein Säufer. *grins*
Fotos: Bernd Klaus Achter
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