Die große Unterschätzung

02.12.2025

Nahezu täglich lesen wir in den Medien über die negativen Auswirkungen des Alkohols auf Geist und Körper. Dies ist auch längst bewiesen; dennoch werden die Folgen von nicht nur massivem Alkoholkonsum weiter geleugnet; und diese Leugnung wird meist mit pseudowissenschaftlichen oder längst überholten, widerlegten, überalterten Studien zu untermauern versucht.
Zudem hat Alkohol gerade in Österreich, traditionell ein Land der Weinproduzenten, der Weintrinker, der (selbsternannten) Weinspezialisten, einem Land, das beim Pro-Kopf-Konsum von Bier mit 106,5 Litern auf Platz 2 in Europa liegt (Platz 1 belegt die Tschechische Republik mit 152,1 Liter, Platz 3 geht an Litauen mit 103,3 Liter; Deutscland ist abgeschlagen auf Platz 8 mit 88,8 Liter. Quelle: Karin Beer Report) generell eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz. Es ist das einzige Suchtmittel, bei dem man gefragt wird, warum man es nicht konsumiert.
Alkohol ist allgegenwärtig: bei Familienfeiern, Firmenevents, Partys, Ausstellungseröffnungen. Ich kann mich noch einen Event - dazumal einer der wichtigsten Events der Werbe- bzw. Kommunikationsbranche - im Hof des Wiener Rathauses erinnern - nach dem Firmennamen stand "Party". Als Welcome-Drink gab es ausschließlich Sekt oder Sekt-Orange, auch auf Nachfrage kein Mineralwasser. Das dürfe man erst ausschenken, wenn der Generaldirektor die Veranstaltung offiziell eröffnet habe, also so in einer Stunde. Dazu muss man wissen, dass an diesem Tag Anfang Juni die Temperaturen bereits über 30 Grad Celsius gestiegen waren, die wenigsten der "Party"-Teilnehmer unter Tag wenig bis nichts gegessen hatten, da ja ein üppiges Buffet auf einen wartete. Das vielzitierte "Damenspitzerl" war vorprogrammiert.

Insgesamt liegt Österreich beim Pro-Kopf-Verbrauch reinen Alkohols mit rund 12 Litern pro Jahr im europäischen Spitzenfeld wie das Öffentliche Gesundheitsportal Österreichs in Berufung auf die Weltgesundheitsproganisation (WHO) mitteilt. Also 12 Liter reiner Alkohol sind 12 Liter Spiritus oder 12 Liter Weingeist - als solches tatsächlich ja ungenießbar (eignet sich etwa zum "Ansetzen" von Likören) und würde vermutlich die Mundschleimhäute oder die Wände der Speisetröhre verätzen. Da kann es in der Speiseröhre - auch durch Konsum von Bier, Wein oder Spirituosen – zur Bildung von Krampfadern, sogenannten Ösophagusvarizen, kommen. Dies sind erweiterte und geschlängelte Venen in der Speiseröhre, die durch erhöhten Blutdruck in der Leber (pfortaderhochdruck) verursacht werden. Beide Symptome sind auf regelmäßigen oder gar massiven Alkoholkonsum zurückzuführen. Platzen diese Ösophagusvarizen, verblutet man jämmerlich. Nur so zur Info.

Was ist nun regelmäßig? Was ist noch gesund?

"Auch ohne abhängig zu sein, kann Alkohol der Gesundheit schaden. Es gibt keinen gesunden Alkoholkonsum.", schreibt das Öffentliche Gesundheitsportal Österreich, und ist damit gleicher Meinung wie (Fach-)Ärzte, Suchttherapeuten oder die sämtliche Gesundheitsorganisationen wie auch die WHO. Die Geschichte des täglichen "gesunden Achterl Rotweins" zum Wohle der Herztätigkeit und des Herz-/Kreislaufsystems ist schlichtweg eine Mär. Selbst wenn dieses tägliche Glas Rotwein für besagte Organe einen positiven Effekt hätte (Konjunktiv!!), schädigt es - alleine durch die Regelmäßigkeit der Konsumation -  zahlreiche andere Körperfunktionen und schlägt sich zudem auf die psychische Gesundheit nieder.
Alkohol kann für bis zu 200 körperliche Erkrankungen verantwortlich sein; und das schon in geringen Mengen. Alleine, wenn man betrachtet, durch welche Stationen im Körper Alkohol bei der Aufnahme durchläuft, kann man den drohenden Schaden ermessen: Mund (Mundschleimhaut), Speiseröhre (Schleimhaut), Magen (Magenwand, Magensäure), Darm (Schleimhäute in allen Stationen des Darms), Entgiftung in der Leber und den Nieren, Hormon- und Botenstoffe der Bauchspeicheldrüse, Enddarm, After.

Wobei die Leber hierbei das geringere Problem sein kann, da es das einzige Organ ist, das sich (bei entsprechender Abstinenz oder Maßhaltung) selbst regenerieren kann. Aber, es bedeutet nicht, dass, wenn die Leberwerte in Ordnung sind, man keinen Schaden vom Alkoholkonsum genommen hat. Selbst mit Leberzirrhose kann sich die Leber bei Abstinenz regenerieren. Die Zirrhose an sich ist kein Todesurteil; erst, wenn Warnzeichen und Diagnose nicht beachtete werden, kann es zu Leberkrebs führen. Den man übrigens - wie auch eine Zirrhose - auch bekommen kann, wenn man täglich Fastfood oder zu viele zuckerhaltige Speisen und vor allem Limonaden wie etwa Energy Drinks zu sich nimmt. Das Schlimmste ist die Kombination aus beiden, etwa Cola mit Rum, Orangensaft mit Wodka oder Kräuterbitter mit Energy Drink, was in der Party Szene vor mehr als einem Jahrzehnt "der Renner" war.

Nur drei Zahlen aus der Forschung zur Veranschaulichung (Quelle: WHO): Bei regelmäßigem Alkoholkonsum über der empfohlenen Menge steigt das Brustkrebs-Risiko bei Frauen um rund 30 Prozent, das Darmkrebs-Risiko bei Männern um nahezu 40 Prozent. Das Risiko an Bauchspeicheldrüsen- oder Speiseröhrenkrebs zu erkranken erhöht sich um bis zu 50 Prozent. Steigern können Sie das Speiseröhrenkrebs-Risiko noch, wenn Sie eifrig Zigaretten rauchen - ja, auch Tabakgenuss ist ein Höchstrisiko für Erkrankungen der Schleimhäute.
Wir haben festgestellt, dass es kein gesunde Menge an Alkohol gibt; sehr ohl gibt es einen Richtwert für die maximale (!) empfohlene Menge: "Frauen sollten nicht mehr als 12 Gramm Alkohol pro Tag trinken. Diese Menge ist beispielsweise in einem kleinen Bier oder einem kleinen Glas Wein (0,125 Liter) enthalten. Männer sollten höchstens 24 Gramm Alkohol pro Tag trinken. Diese Menge ist beispielsweise in zwei kleinen Bier oder einem großen Glas Wein (0,25Liter) enthalten.", so die einhellige Meinung sämtlicher wissenschaftlichen Quellen, hier vom Öffentlichen Gesundheitsportal Österreich.
Und ganz wichtig: Es sollte nicht jeden Tag Alkohol konsumiert werden. Meine Recherchen haben hier zwei Regelsätze hervorgebracht. Die 5:2 Regel besagt, an zwei Tagen pro Woche keinen Alkohol zu trinken; die 3:4 Regel besagt, an vier Tagen pro Woche keinen Alkohol zu trinken. Täglicher Alkoholgenuss in der empfohlenen Menge oder darüber gilt bereits als problematisch. Jene Konsumenten, die täglich(!) "nur" die empfohlene Menge konsumieren, können über einen längeren Zeitraum ein veritables Problem entwickeln; jene, die täglich über der empfohlenen Menge trinken, haben schon ein Problem. Statistiken gehen davon aus, dass es in Österreich rund 950.000 Menschen gibt, die sich im Rahmen von Alkoholmissbrauch und Alkoholkrankheit und damit im gesundheitsgefährdenden Bereich bewegen; also mehr als ein Zehntel der Bevölkerung. Rechnen wir dabei noch Kinder und Jugendliche heraus, na dann gute Nacht Österreich.

Aber nicht alleine verschiedene Krebserkrankungen können durch regelmäßigen Alkoholkonsum Alkoholmissbrauch verursacht werden kann. Nur einige Beispiele (dies ist ja keine Gesundheitsvorlesung), auf die ich in anderen Posts noch näher eingehen kann: Polyneuropathie (Nervenerkrankung), Grauer Star und Grüner Star, Demenz, Alzheimer, Parkinson, nervlich bedingte Lähmungserscheinungen, chronische Gleichgewichtsstörungen durch Signal-Fehlleitungen im Gehirn. Diese Liste ließe sich noch fortsetzen. Und über psychische Erkrankungen durch erhöhten und/oder regelmäßigen Alkoholkonsum haben wir da noch  gar nicht gesprochen.

Ich möchte niemanden belehren oder missionieren. Ich möchte lediglich auf die Gefahren hinweisen, denn der Konsum von Alkohol wird unterschätzt. Ich habe diese Warnungen ignoriert, bin aber noch mit einem "blauen Auge" davon gekommen. Meine diagnostizierte Polyneuropathie gilt durch Abstinenz und regelmäßige tägliche Bewegung - meistens natürlich mit #BeagleEmil - als aus therapiert bzw. geheilt. An beiden Augen wurde ich wegen Grauen Stars operiert, gegen den gleichzeitig diagnostizierten Grünen Star muss ich meine Augen täglich eintropfen. Grüner Star ist nämlich inoperabel. Alle anderen Werte sind im grünen Bereich.

Illustration: Bernd Klaus Achter

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