Das Gehirn: Über Berauschung und das Koma

29.09.2025

Ich wollte immer von allem viel haben. Ich wollte berauscht sein. Stark berauscht. Doch, dem nicht genug. Manchmal soff ich mich ins Koma.
"Berauscht" hat mir am Ende nicht mehr genügt. Es musste dieses "mehr" sein, um die Realität auszublenden. Auf Wiedersehen Realität, herzlich willkommen im Wahnsinn.
Es waren die Brücken, die einstürzten. Brücken als Teil meiner Selbst, eine nach der anderen von Teil zu Teil. Zuerst begann der Beton zu bröckeln und plötzlich mit einem Rums brach die Brücke ein und lag darnieder.
So ist das, wenn ein Tsunami an Schlechtigkeiten einen zu überrollen droht. Der Ausweg scheint die Leugnung der Realität oder auch die Flucht vor der Wahrheit. Eskapismus nennen woe das, und, wie gelingt das besser als durch Berauschung.
Das Tückische daran ist jedoch, daß die Dosis immer höher geschraubt werden muß, um den gewünschten Effekt - also, der Realität zu entfliehen - zu erzielen.
So werden aus einem Schluck zwei, aus zwei werden drei, aus drei werden vier; und so dreht sich die Schraube der Sucht immer tiefer und breiter in dein Leben.
Und irgendwann spült dich die Welle davon, an einen Ort, an dem du nie sein wolltest. Fanatsia-Alko-Land, so fernabab des Realitäts-Paradieses entfernt, wie die Erde vom nächsten Sonnensystem. Auf dieser Welle kannst du aber nicht dauerhaft surfen, da du die Kontrolle verlierst, Welle für Welle, Brücke für Brücke stürzt ein, das Bewusstsein lahmt.
Zu einem Realitätsverlust kommt es erst in einem späten permanenten Alkoholdelirium. Tatsächlich führt regelmäßiges gesundheitsgefährdendes Trinken oder echte Sauferei zu einer Realitätsverschiebung und auch einer Realitätsverweigerung. Vor allem die Prioritäten verschieben sich eindeutig in Richtung Alkohol-Beschaffung. Legal, denn schließlich ist Alkohol in Österreich keine verbotene Substanz. Dieser Beschaffung wird vielfach alles andere unter geordnet. Danach wird der Rest einer Sparflammen-Prioritätenliste abgearbeitet: Zigaretten, Lebensmittel, Hygiene und Hygieneartikel. Menschliche Bindungen an Familie und Freunde bleiben Stück für Stück auf der Strecke. In Wahrheit fährt das Gehirn eigentlich nur mehr auf Sparflamme.

Das Gehirn ist komplex und sensibel

Das menschliche Gehirn ist ein hochkomplexes und hochsensibles Organ. Es ist unsere Festplatte, um Wissen abzuspeichern, es ist in der Lage ähnlich einer Datenbank komplexe Abfragen durchzuführen, Erinnerungen zu archivieren sowie Zusammenhänge herzustellen und ist zugleich Schaltzentrale für Geist, Körper, das Nervensystem und Emotionen. Kein menschliches Organ unterliegt so vielfältigen Anforderungen und und löst diese bravurös. Bis..., ja, bis man ordentlich Alkohol in sich rein schüttet. Das mag das Gehirn nämlich so was von gar nicht.
Das allererste, das Alkohol mit dem Gehirn macht, ist, dessen Aktivität herunter zu schrauben. In großen Mengen konsumiert, hat Alkohol sogar sedierende (betäubende) Wirkung. Das ist dann der berühmte Filmriss.
Meine Großmutter hat manchmal zu uns Brüdern gesagt: "Bei jedem Rausch sterben viele Gehirnzellen ab." Sorry Omschi, aber, das stimmt so nicht. Der Alkohol tötet Nervenzellen ab und stört damit die Kommunikation zwischen den Nervenzentren und den einzelnen Gehirnarealen.
Dieser Umstand und der Fakt, dass das Gehirnvolumen unter massivem Einfluss von Alkohol schrumpft, führt zu Gedächtnis- und Erinnerungslücken. Daten, Zahlen, Geschichten, die man vor der Zeit des massiven Alkoholkonsums vermutlich mitten in der Nacht bei unfreiwilligem Aufwecken sofort rezitieren konnte, fallen einem nicht mehr am helllichten Tag ein. Wir Menschen nutzen auch ohne Alkoholeinfluss nur einen Bruchteil unserer Gehirnleistung. Den Rest versaufen wir dann auch noch. Und damit schwinden die kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten. Es kommt zu Sprachstörungen, Gedächtnisstörungen und Orientierungsproblemen. Die Informationsübertragung im Gehirn wird gehemmt, was zu einer Verlangsamung der Wahrnehmung und des Reaktionsvermögens führt.
Starker Alkoholkonsum wirkt sich auch auf die motorischen Fähigkeiten aus, ist das Gehirn ja die Steuerungs- und Schaltzentrale für unsere körperlichen Abläufe. Das - nahezu gleich-gewichtslose - Schwanken ist das erste Anzeichen für gestörte Motorik.
Ich selbst hatte immer gerne Gitarre gespielt. Viele Jahre habe ich als Gitarrist und später als Bassist in Bands verbracht. Und, ich denke, ich war gar nicht mal so schlecht. Nun, nach meiner Alkoholiker"Karriere" bin ich nur mehr schlecht. Mein Körper hat die Feinmotorik verloren, die zum Spielen eines Instrumentes notwendig ist. Gleichzeitig sind durch den Alkoholkonsum auch Nervenbahnen und Synapsen, die für diese Tätigkeit verantwortlich sind, in Mitleidenschaft gezogen. Was also bleibt mir anderes übrig, als so manches am Instrument neu zu lernen.
Eine Kombination aus gestörter Feinmotorik und Nervenschäden ist die Polyneuropathie - grundsätzlich eine neben bei Diabetes meist alkoholbedingte Nervenerkrankung -, die sich auf die Extremitäten - vor allem Beine und Füße - auswirkt und im schlimmsten Falle zur Lähmung vor allem des untereren Bewegungsapparates führen kann. Folgen sind der Gang an Krücken oder Rollator oder im schlimmsten Fall die Fortbewegung mit Rollstuhl. Gleichzeitig kommt es zu Koordinationsstörungen und unkontrollierten, oftmals spastisch anmutenden Bewegungen des Körpers. Denken Sie hierbei nur an den britischen Sänger Joe Cocker. Dieses Erscheinungsbild habe ich bei einem Mitpatienten in der Anstalt gesehen und schon bei mir gedacht: So möchte ich nicht enden.
Bedingt werden motorische, kognitive und mentale Fehlfunktionen des Gehirns auch durch Dehydrierung. Alkohol in großen Mengen konsumiert, dehydriert den Körper und damit auch das Gehirn. Damit ist die einwandfreie "Verschaltung" der Funktionen nicht mehr gewährleistet. Neben den motorischen Problemen treten Gedächtnis- bzw. Erinnerungsstörungen, Motivationsprobleme und vor allem Konzentrationsschwächen oder Sprachstörungen auf. Wahrnehmung und Reaktionsvermögen werden durch Alkoholkonsum wie auch durch die Dehydrierung massiv beeinträchtigt. Was uns dazu führt, dass die Meinung, man könne nach drei großen Bieren noch einen PKW lenken, Gitarre spielen oder einen Selbstbaumöbel zusammen zu bauen, schlichtweg absurd ist.
All diese durch Alkoholkonsum möglicherweise auftretenden Erscheinungen können durch Hirnstrom-Analysen, Reaktionstests und kognitive Befragungen gemessen und belegt werden.
Und schließlich sind es die mentalen Folgen von massivem Alkoholkonsum wie etwa Begünstigung von Demenz, Selbstüberschätzung, Aggressionen gegen sich selbst und Mitmenschen - Stichwort: häusliche Gewalt -, verstärktes impulsives Verhalten durch das Sinken von Hemmschwellen, narzisstisches Verhalten - "Ich bin der König der Welt" -, Depressionen und einem Abbau der kognitiven Fähigkeiten, die sich bis zum Korsakow-Syndrom mit Demenz entwickeln können. Alkohol wirkt sich zudem auf Botenstoffe aus, wodurch das Belohnungssystem beeinflusst wird und die Hemmschwellen sinken, was zu impulsivem Verhalten und einer gestörten Kritikfähigkeit führt.

Das Gerhirn lernt mit

Das Gehirn ist lernfähig - im Guten wie im Schlechten. So aktiviert der Alkoholkonsum das Belohnungssystem und speichert die vermeintlichen positiven Aspekte im sogenannten Suchtgedächtnis ab - in der Mygdalla, im Frontallappen und im Hirnstamm. Das Problem daran ist, dass sich dieses Suchtgedächtnis nie mehr löschen lässt. Nicht durch Hypnose, nicht durch Medikation, nicht durch fachärztlichen Entzug. Alkoholentzug ist - wie mir Ärzte und Psychotherapeuten versicherten - im Vergleich zu anderen Suchtmittel wie etwa Heroin, Kokain, Crack, Fentanyl oder andere (vielfach synthethische) Opioide - ein "einfacheres" Unterfangen. Aber, das Gehirn vergisst einfach nie. Und da haben alle Suchtmittel eines gleich: Das dauerhafte "Trocken-bleiben" ist eine Mammutaufgabe, die dem Alkoholiker oder trockenem Alkoholiker einiges abverlangt. Nebenerscheinungen bei Entzug und Trocken-bleiben können jedenfalls Panikattacken, Angstzustände oder Depressionen sein. Hier zeigt das Gehirn, dass Leitungsfähigkeit von Nerven- und Gehirnleistung jedenfalls schon angeschlagen, wenn nicht dauerhaft geschädigt sind. Allein aus diesem Grund ist es notwendig, nach dem eigentlichen Entzug in der Anstalt auf ein dauerhaftes Netzwerk aus Therapeuten und Ärzten zurückgreifen zu können.

Illustration: Pixabay/Damian Niolet


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