Das Gehirn: Über Berauschung und das Koma

Ich wollte immer von allem viel haben.
Ich wollte berauscht sein. Stark berauscht. Doch, dem nicht genug.
Manchmal soff ich mich ins Koma.
"Berauscht" hat mir am Ende nicht
mehr genügt. Es musste dieses "mehr" sein, um die Realität
auszublenden. Auf Wiedersehen Realität, herzlich willkommen im
Wahnsinn.
Es waren die Brücken, die einstürzten.
Brücken als Teil meiner Selbst, eine nach der anderen von Teil zu
Teil. Zuerst begann der Beton zu bröckeln und plötzlich mit einem
Rums brach die Brücke ein und lag darnieder.
So ist das, wenn ein Tsunami an
Schlechtigkeiten einen zu überrollen droht. Der Ausweg scheint die
Leugnung der Realität oder auch die Flucht vor der Wahrheit.
Eskapismus nennen woe das, und, wie gelingt das besser als durch
Berauschung.
Das Tückische daran ist jedoch, daß
die Dosis immer höher geschraubt werden muß, um den gewünschten
Effekt - also, der Realität zu entfliehen - zu erzielen.
So werden aus einem Schluck zwei, aus
zwei werden drei, aus drei werden vier; und so dreht sich die
Schraube der Sucht immer tiefer und breiter in dein Leben.
Und irgendwann spült dich die Welle
davon, an einen Ort, an dem du nie sein wolltest. Fanatsia-Alko-Land,
so fernabab des Realitäts-Paradieses entfernt, wie die Erde vom
nächsten Sonnensystem. Auf dieser Welle kannst du aber nicht
dauerhaft surfen, da du die Kontrolle verlierst, Welle für Welle,
Brücke für Brücke stürzt ein, das Bewusstsein lahmt.
Zu einem Realitätsverlust kommt es
erst in einem späten permanenten Alkoholdelirium. Tatsächlich führt
regelmäßiges gesundheitsgefährdendes Trinken oder echte Sauferei
zu einer Realitätsverschiebung und auch einer Realitätsverweigerung.
Vor allem die Prioritäten verschieben sich eindeutig in Richtung
Alkohol-Beschaffung. Legal, denn schließlich ist Alkohol in
Österreich keine verbotene Substanz. Dieser Beschaffung wird
vielfach alles andere unter geordnet. Danach wird der Rest einer
Sparflammen-Prioritätenliste abgearbeitet: Zigaretten, Lebensmittel,
Hygiene und Hygieneartikel. Menschliche Bindungen an Familie und
Freunde bleiben Stück für Stück auf der Strecke. In Wahrheit fährt
das Gehirn eigentlich nur mehr auf Sparflamme.
Das Gehirn ist komplex und sensibel
Das menschliche Gehirn ist ein
hochkomplexes und hochsensibles Organ. Es ist unsere Festplatte, um
Wissen abzuspeichern, es ist in der Lage ähnlich einer Datenbank
komplexe Abfragen durchzuführen, Erinnerungen zu archivieren sowie
Zusammenhänge herzustellen und ist zugleich Schaltzentrale für
Geist, Körper, das Nervensystem und Emotionen. Kein menschliches
Organ unterliegt so vielfältigen Anforderungen und und löst diese
bravurös. Bis..., ja, bis man ordentlich Alkohol in sich rein
schüttet. Das mag das Gehirn nämlich so was von gar nicht.
Das allererste, das Alkohol mit dem
Gehirn macht, ist, dessen Aktivität herunter zu schrauben. In großen
Mengen konsumiert, hat Alkohol sogar sedierende (betäubende)
Wirkung. Das ist dann der berühmte Filmriss.
Meine Großmutter hat manchmal zu uns
Brüdern gesagt: "Bei jedem Rausch sterben viele Gehirnzellen ab."
Sorry Omschi, aber, das stimmt so nicht. Der Alkohol tötet
Nervenzellen ab und stört damit die Kommunikation zwischen den
Nervenzentren und den einzelnen Gehirnarealen.
Dieser Umstand und der Fakt, dass das
Gehirnvolumen unter massivem Einfluss von Alkohol schrumpft, führt
zu Gedächtnis- und Erinnerungslücken. Daten, Zahlen, Geschichten,
die man vor der Zeit des massiven Alkoholkonsums vermutlich mitten in
der Nacht bei unfreiwilligem Aufwecken sofort rezitieren konnte,
fallen einem nicht mehr am helllichten Tag ein. Wir Menschen nutzen
auch ohne Alkoholeinfluss nur einen Bruchteil unserer Gehirnleistung.
Den Rest versaufen wir dann auch noch. Und damit schwinden die
kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten. Es kommt zu
Sprachstörungen, Gedächtnisstörungen und Orientierungsproblemen.
Die Informationsübertragung im Gehirn wird gehemmt, was zu einer
Verlangsamung der Wahrnehmung und des Reaktionsvermögens führt.
Starker Alkoholkonsum wirkt sich auch
auf die motorischen Fähigkeiten aus, ist das Gehirn ja die
Steuerungs- und Schaltzentrale für unsere körperlichen Abläufe.
Das - nahezu gleich-gewichtslose - Schwanken ist das erste Anzeichen
für gestörte Motorik.
Ich selbst hatte immer gerne Gitarre
gespielt. Viele Jahre habe ich als Gitarrist und später als Bassist
in Bands verbracht. Und, ich denke, ich war gar nicht mal so
schlecht. Nun, nach meiner Alkoholiker"Karriere" bin ich nur mehr
schlecht. Mein Körper hat die Feinmotorik verloren, die zum Spielen
eines Instrumentes notwendig ist. Gleichzeitig sind durch den
Alkoholkonsum auch Nervenbahnen und Synapsen, die für diese
Tätigkeit verantwortlich sind, in Mitleidenschaft gezogen. Was also
bleibt mir anderes übrig, als so manches am Instrument neu zu
lernen.
Eine Kombination aus gestörter
Feinmotorik und Nervenschäden ist die Polyneuropathie -
grundsätzlich eine neben bei Diabetes meist alkoholbedingte
Nervenerkrankung -, die sich auf die Extremitäten - vor allem Beine
und Füße - auswirkt und im schlimmsten Falle zur Lähmung vor allem
des untereren Bewegungsapparates führen kann. Folgen sind der Gang
an Krücken oder Rollator oder im schlimmsten Fall die Fortbewegung
mit Rollstuhl. Gleichzeitig kommt es zu Koordinationsstörungen und
unkontrollierten, oftmals spastisch anmutenden Bewegungen des
Körpers. Denken Sie hierbei nur an den britischen Sänger Joe
Cocker. Dieses Erscheinungsbild habe ich bei einem Mitpatienten in
der Anstalt gesehen und schon bei mir gedacht: So möchte ich nicht
enden.
Bedingt werden motorische, kognitive
und mentale Fehlfunktionen des Gehirns auch durch Dehydrierung.
Alkohol in großen Mengen konsumiert, dehydriert den Körper und
damit auch das Gehirn. Damit ist die einwandfreie "Verschaltung"
der Funktionen nicht mehr gewährleistet. Neben den motorischen
Problemen treten Gedächtnis- bzw. Erinnerungsstörungen,
Motivationsprobleme und vor allem Konzentrationsschwächen oder
Sprachstörungen auf. Wahrnehmung und Reaktionsvermögen werden durch
Alkoholkonsum wie auch durch die Dehydrierung massiv beeinträchtigt.
Was uns dazu führt, dass die Meinung, man könne nach drei großen
Bieren noch einen PKW lenken, Gitarre spielen oder einen
Selbstbaumöbel zusammen zu bauen, schlichtweg absurd ist.
All diese durch Alkoholkonsum
möglicherweise auftretenden Erscheinungen können durch
Hirnstrom-Analysen, Reaktionstests und kognitive Befragungen gemessen
und belegt werden.
Und schließlich sind es die mentalen
Folgen von massivem Alkoholkonsum wie etwa Begünstigung von Demenz,
Selbstüberschätzung, Aggressionen gegen sich selbst und Mitmenschen
- Stichwort: häusliche Gewalt -, verstärktes impulsives Verhalten
durch das Sinken von Hemmschwellen, narzisstisches Verhalten - "Ich
bin der König der Welt" -, Depressionen und einem Abbau der
kognitiven Fähigkeiten, die sich bis zum Korsakow-Syndrom mit Demenz
entwickeln können. Alkohol wirkt sich zudem auf Botenstoffe aus,
wodurch das Belohnungssystem beeinflusst wird und die Hemmschwellen
sinken, was zu impulsivem Verhalten und einer gestörten
Kritikfähigkeit führt.
Das Gerhirn lernt mit
Das Gehirn ist lernfähig - im Guten
wie im Schlechten. So aktiviert der Alkoholkonsum das
Belohnungssystem und speichert die vermeintlichen positiven Aspekte
im sogenannten Suchtgedächtnis ab - in der Mygdalla, im
Frontallappen und im Hirnstamm. Das Problem daran ist, dass sich
dieses Suchtgedächtnis nie mehr löschen lässt. Nicht durch
Hypnose, nicht durch Medikation, nicht durch fachärztlichen Entzug.
Alkoholentzug ist - wie mir Ärzte und Psychotherapeuten versicherten
- im Vergleich zu anderen Suchtmittel wie etwa Heroin, Kokain, Crack,
Fentanyl oder andere (vielfach synthethische) Opioide - ein
"einfacheres" Unterfangen. Aber, das Gehirn vergisst einfach nie.
Und da haben alle Suchtmittel eines gleich: Das dauerhafte
"Trocken-bleiben" ist eine Mammutaufgabe, die dem Alkoholiker
oder trockenem Alkoholiker einiges abverlangt. Nebenerscheinungen bei
Entzug und Trocken-bleiben können jedenfalls Panikattacken,
Angstzustände oder Depressionen sein. Hier zeigt das Gehirn, dass
Leitungsfähigkeit von Nerven- und Gehirnleistung jedenfalls schon
angeschlagen, wenn nicht dauerhaft geschädigt sind. Allein aus
diesem Grund ist es notwendig, nach dem eigentlichen Entzug in der
Anstalt auf ein dauerhaftes Netzwerk aus Therapeuten und Ärzten
zurückgreifen zu können.
Illustration: Pixabay/Damian Niolet