Buchempfehlung (über die Co-Abhängigkeit Pt.1)

21.10.2025

Unlängst stieß ich in der Bücher-Tausch-Telefonzelle auf ein Buch, das sofort meine Aufmerksamkeit erregte: "Beratungsgespräche mit Angehörigen von Alkoholabhängigen" von Hans Klein, Diakon beim Diakonischen Werlk in der Alkoholambulanz Landau/Deutschland.
Die zweite Auflage dieses Buches stammt bereits aus dem Jahr 1993, wird damit nicht auf dem neuesten Stand der Suchtforschung oder der psychiatrischen Forschung sein, gibt uns aber dennoch Einblick in eine der umfangreichsten Aspekte der Alkoholsucht: Die Co-Abhängigkeit. "Angehörige sind oft ratlos, wie sich im Umgang mit ihrem alkoholabhängigen Partner verhalten sollen. […] Kranke dürfen nicht in eine Lage gedrängt werden, in der sie nur noch Empfänger unabgeklärter und wirkungsloser Helferbedürfnisse sind. […] Alkoholabhängigkeit muss keine Familienkatastrophe sein oder bleiben. Wir können lerne, sachgerecht damit umzugehen", so ist am rückseitigen Umschlagtext zu lesen.
Und, nein, Können wir nicht; nämlich sachgerecht mit Alkoholabhängigen umgehen. Für das Umgehen hat man nämlich so was wie die Therapeuten "erfunden". Obwohl ich nicht immer ein Freund dieser Berufsgruppe bin, so sind im Endeffekt diese eher berufen, Sucht-erkrankten zu helfen, als Partner oder andere Familienmitglieder.
Zu groß ist die Gefahr der Co-Abhängigkeit. Was wiederum Arbeit für Therapeuten gibt.

Was bedeutet nun diese Co-Abhängigkeit, die in jeder Beziehung von oder Interaktion zwischen Alkoholabhängigen und Angehörigen inne wohnen kann. Dem Abhängigen nahestehende Personen wie Partner, Eltern, Geschwister, Kinder oder Freunde fördern das Verhalten des Alkoholkranken und die Sucht oft unwissentlich und ordnen ihr eigenes Leben und die eigenen Bedürfnisse der Sucht unter. Eine emotionale und psychische Belastung der Co-Abhängigen lässt nicht lange auf sich warten, wodurch bei dieser Gruppe ebenfalls rasch psychische Probleme wie Depressionen oder Angststörungen oder psychosomatische Beschwerden auftreten können.
Diese Co-Abhängigkeit ist wohl gut gemeint, aus sucht-therapeutischer Sicht löst es aber das "Problem" nicht. Der Abhängige bleibt abhängig, womöglich auch dadurch, dass einer der Co-Abhängige den Abhängigen vielleicht auch mit Alkohol versorgt und somit einen Schritt weit versucht, das Suchtproblem zu kontrollieren und Risiken im Kontakt des Süchtigen zur Außenwelt zu minimieren. Vertuschungsversuche einer Abhängigkeit, zu der Co-Abhängige neigen, sind nahezu zwecklos. Denn irgendwann hat die Alkoholkrankheit derartige Ausmaße erreicht, dass diese auch der Außenwelt des "inneren Kreises" nicht verborgen bleiben. Entschuldigungsversuche für Dummheiten, die ein Abhängiger etwa im Vollrauch getan hat, sind auch zwecklos. Dafür muss der Alkoholkranke selber einstehen.
Nun strickt sich das selbe Muster, wie wir es von den Abhängigen selbst sehen: Verleugnen und Verharmlosen des Suchtproblems, Realitätsverweigerung, Schuldgefühle mit falsch gedeuteter Selbstverantwortung und soziale Isolation und dem Vernachlässigen von Hobbys und Interessen. Der Co-Abhängige wird zum Spiegel des Süchtigen.

Nicht ohne Grund bietet die Anstalt, in der ich acht Wochen weilte, wie auch andere Anstalten, regelmäßig psychotherapeutische Gruppen- oder Einzelberatungen zum Thema Co-Abhängigkeit an. Ich kann aus meiner Erfahrung nur empfehlen, diese Angebote zu nutzen. Und - nicht (!) oder - lesen Sie dieses Buch.

Das Buch "Beratungsgespräche mit Angehörigen von Alkoholabhängigen" (Hans Klein, Blaukreuz-Verlag, 1993) sowie das Nachfolgebuch "Sie trinken jetzt nicht mehr, aber...: Beratungsgespräche mit Angehörigen von ehemals Alkoholabhängigen" (Hans Klein, Blaukreuz-Verlag, 1995) sind jedenfalls Second-Hand bei Amazon erhältlich (Stand: 21.10.2025).

Über das weitreichende Spektrum der Co-Abhängigkeit wird an dieser Stelle demnächst ein detaillierter Artikel erscheinen.


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