Buchempfehlung (über die Co-Abhängigkeit Pt.1)

Unlängst stieß ich in der Bücher-Tausch-Telefonzelle auf ein Buch, das sofort meine
Aufmerksamkeit erregte: "Beratungsgespräche mit Angehörigen von
Alkoholabhängigen" von Hans Klein, Diakon beim Diakonischen Werlk
in der Alkoholambulanz Landau/Deutschland.
Die zweite Auflage dieses Buches stammt
bereits aus dem Jahr 1993, wird damit nicht auf dem neuesten Stand
der Suchtforschung oder der psychiatrischen Forschung sein, gibt uns
aber dennoch Einblick in eine der umfangreichsten Aspekte der
Alkoholsucht: Die Co-Abhängigkeit. "Angehörige sind oft ratlos,
wie sich im Umgang mit ihrem alkoholabhängigen Partner verhalten
sollen. […] Kranke dürfen nicht in eine Lage gedrängt werden, in
der sie nur noch Empfänger unabgeklärter und wirkungsloser
Helferbedürfnisse sind. […] Alkoholabhängigkeit muss keine
Familienkatastrophe sein oder bleiben. Wir können lerne, sachgerecht
damit umzugehen", so ist am rückseitigen Umschlagtext zu lesen.
Und, nein, Können wir nicht; nämlich
sachgerecht mit Alkoholabhängigen umgehen. Für das Umgehen hat man
nämlich so was wie die Therapeuten "erfunden". Obwohl ich nicht
immer ein Freund dieser Berufsgruppe bin, so sind im Endeffekt diese
eher berufen, Sucht-erkrankten zu helfen, als Partner oder andere
Familienmitglieder.
Zu groß ist die Gefahr der
Co-Abhängigkeit. Was wiederum Arbeit für Therapeuten gibt.
Was bedeutet nun diese Co-Abhängigkeit,
die in jeder Beziehung von oder Interaktion zwischen
Alkoholabhängigen und Angehörigen inne wohnen kann. Dem Abhängigen
nahestehende Personen wie Partner, Eltern, Geschwister, Kinder oder
Freunde fördern das Verhalten des Alkoholkranken und die Sucht oft
unwissentlich und ordnen ihr eigenes Leben und die eigenen
Bedürfnisse der Sucht unter. Eine emotionale und psychische
Belastung der Co-Abhängigen lässt nicht lange auf sich warten,
wodurch bei dieser Gruppe ebenfalls rasch psychische Probleme wie
Depressionen oder Angststörungen oder psychosomatische Beschwerden
auftreten können.
Diese Co-Abhängigkeit ist wohl gut
gemeint, aus sucht-therapeutischer Sicht löst es aber das "Problem"
nicht. Der Abhängige bleibt abhängig, womöglich auch dadurch, dass
einer der Co-Abhängige den Abhängigen vielleicht auch mit Alkohol
versorgt und somit einen Schritt weit versucht, das Suchtproblem zu
kontrollieren und Risiken im Kontakt des Süchtigen zur Außenwelt zu
minimieren. Vertuschungsversuche einer Abhängigkeit, zu der
Co-Abhängige neigen, sind nahezu zwecklos. Denn irgendwann hat die
Alkoholkrankheit derartige Ausmaße erreicht, dass diese auch der
Außenwelt des "inneren Kreises" nicht verborgen bleiben.
Entschuldigungsversuche für Dummheiten, die ein Abhängiger etwa im
Vollrauch getan hat, sind auch zwecklos. Dafür muss der
Alkoholkranke selber einstehen.
Nun strickt sich das selbe Muster, wie
wir es von den Abhängigen selbst sehen: Verleugnen und Verharmlosen
des Suchtproblems, Realitätsverweigerung, Schuldgefühle mit falsch
gedeuteter Selbstverantwortung und soziale Isolation und dem
Vernachlässigen von Hobbys und Interessen. Der Co-Abhängige wird
zum Spiegel des Süchtigen.
Nicht ohne Grund bietet die Anstalt, in der ich acht Wochen weilte, wie auch andere Anstalten, regelmäßig psychotherapeutische Gruppen- oder Einzelberatungen zum Thema Co-Abhängigkeit an. Ich kann aus meiner Erfahrung nur empfehlen, diese Angebote zu nutzen. Und - nicht (!) oder - lesen Sie dieses Buch.
Das Buch "Beratungsgespräche mit Angehörigen von Alkoholabhängigen" (Hans Klein, Blaukreuz-Verlag, 1993) sowie das Nachfolgebuch "Sie trinken jetzt nicht mehr, aber...: Beratungsgespräche mit Angehörigen von ehemals Alkoholabhängigen" (Hans Klein, Blaukreuz-Verlag, 1995) sind jedenfalls Second-Hand bei Amazon erhältlich (Stand: 21.10.2025).
Über das weitreichende Spektrum der Co-Abhängigkeit wird an dieser Stelle demnächst ein detaillierter Artikel erscheinen.