Aus der Anstalt Pt.7

05.12.2025

Mittlerweile geht alles seinen gewohnten Gang, es hat sich alles normalisiert, nachem die Feiertagswochen nun endgültig Geschichte sind. Die Weihnachtsdeko wurde von den fleißigen Damen und Herren des Putzpersonals entfernt; Kugeln, Lametta und Lichterketten in Kartons im Lager für das nächste Jahr verstaut, die Bäume wurde abgeholt und in den Tiergarten Schönbrunn zum Verfüttern gebracht.
Langsam trudeln auch das therapeutische Personal und die medizinischen Fachkräfte aus ihren Weihnachtsurlauben ein. Psychotherapien, Physiotherapien oder Blutabnahme können nun wieder ohne Einschränkungen stattfinden.
Auch ich bin ein Stück mehr in der Anstalt angekommen. Ich fühle mich nicht mehr fremd, ich fühle mich nicht mehr so auf Zwischenstop zum nächsten Ziel, sondern als Endstation für insgesamt acht Wochen. Und ich merke, dass in mir Ruhe einkehrt. Nicht mehr das Gefühl zu haben "ich muss irgendwas tun und zwar jetzt und am besten vieles gleichzeitig". Das war ja unter anderem eine meiner psychischen Baustellen: Diese Ruhe- und Rastlosigkeit, stets am Anschlag, vieles gleichzeitig begonnen, wenig zu Ende gebracht. Wie auch, wenn man den Großteil betrunken ist.
Hier gibt es nur einige Fixpunkte wie etwa die Zeiten für Frühstück, Mittag- und Abendessen. Zu therapeutischen Maßnahmen oder Therapiegesprächen wird man in wöchentlichen Plänen eingeteilt; die Zeitgestaltung für die jeweilige Folgewoche war immer so eine Freitagsüberraschung, wenn die Therapiepläne ausgegeben wurden.

Immer was zu tun

Für die Zeit nach dem Frühstück wurde ich vom mir zugeteilten Therapeuten zum "Aktiven Morgenerwachen" "verdonnert". Dehnübungen im Sitzen oder Stehen, Gleichgewichtsspiele mit einem übergroßen Flummi-Ball, Stretching mit einem Hanfseil und stilles In-Sich-Gehen, also Pseudo-Meditieren. Gerade, dass die nicht begonnen haben, Oooom zu singen. Meiner Erinnerung nach war ich einer von zwei Männern bei rund 20 Teilnehmern. Aber mach das mal, wenn du dir beim Frühstück, der einzig wirklich guten Mahlzeit des Tages, den Bauch vollgestopft hast.
Nach dem Erwachen mit Meditation ohne Oooom war Rauchpause angesagt. Raus in den Anstaltspark, wo ich im Gegensatz zu anderen Rauchern mich mit der Zigarette in der Hand durch den Park bewegte. Nur da stehen in der Kälte - ich war schließlich im Winter in der Anstalt - wäre unerträglich gewesen. Andere taten dies - also Herumstehen - und bibberten vor Kälte schon nach dem zweiten oder dritten zug an der Zigarette. Manche setzten sich noch auf die kalte und vereiste Parkbank.

Und so kam ich trotz geringem Wirkungsradius doch auf durchschnittlich rund 12.000 Schritte pro Tag. Mehr waren es, wenn ich Mittwoch Nachmittag Ausgang hatte und mit meiner Liebsten zu Trafik, Supermarkt und am Liesingbach entlang spazieren ging. Der Weg entlang des Liesingbachs führte eben von Liesing, dem 23. Wiener Gemeindebezirk, bis in den Wienerwald. Und meine Liebst und ich waren nahezu die einzigen, die den Weg entlang schlenderten - wir hatten es ja nicht eilig - vermutlich war es anderen zu kalt. So manche Mitpatienten bevorzugten es während des Ausgangs, das nahegelegene Einkaufszentrum zu besuchen.
Nach der Rauchpause ging es ab in die Kreativwerkstatt, um weiter zu töpfern, oder das bereits getöpferte und gebrannte Stückgut zu lackieren. Zweimal wurde jedes Stück lackiert, dann kam es noch einmal in den Brennofen und sollte somit Lebensmittel-echt und Geschirrspüler-fest sein. Und war und ist gut so für die drei Näpfe, die ich für meinen #BeagleEmil während meines Aufenthalts in der Anstalt gefertigt hatte.

Essen ohne Reue?

Wie ich erwähnte, war das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages. Da wusste man, was man bekommt, dürfte es sich zum Teil auch aussuchen. Alles andere glich einem Glücksspiel.
Ich nahm stets eine Semmel, ein Weckerl nach Auswahl des Tages mit Leberwurstaufstrich sowie Wurst und Käse. Dazu Müsli, bei dem man Nachholen konnte, so oft man wollte. Und Kaffee. Natürlich, Kaffee, und davon viel, da sich mein Schlafrhythmus in der Anstalt derart geändert hatte, dass ich täglich bereits um halb fünf bis fünf morgens wach wurde und im Haus unterwegs war.
Zum Mittagessen gab es Suppe und Hauptspeise, manchmal ein Dessert, wenn es das Budget der Großküche zuließ. Abends meist was Suppen-artiges; außer Dienstag und Donnerstag, da gab es immer kalte Platte, also Wurst/Käse-Aufschnitt mit Butter und Brot.
Das grauslichste Abendessen aller Zeiten meines Lebens war eine eingebrannte Rollgerstl-Suppe ("a eibrennte Suppn"). Nach zwei Löffeln dieser Küchenschandtat hatte ich genug und stellte den noch vollen Teller in das Abräumregal. Ich war, so sah ich am Regal, war wohl nicht der Einzige, dem dieses Gericht nicht geschmeckt hat.
Grundsätzlich habe ich ja Verständnis dafür, dass man es in einer Großküche nicht jedem Recht machen kann. Dazu sind die Geschmäcker zu verscheiden. Und aus dem Grund gab es separat auch immer Salz und Pfeffer in kleinen Papiersackerln zum Nachwürzen. Waren doch mehrere Generationen in der Anstalt für ein paar Wochen "beheimatet". Auch von Vielfalt konnte man nicht sprechen, nach zwei bis drei Wochen wiederholte sich der Speiseplan; und Dienstag und Donnerstag war ohnehin dem Aufschnitt-Teller vorbehalten. Ganz schlimm aber ist der Umstand, dass der Großküche eines Mittags die Hauptspeise ausgegangen ist. Aus Versehen schlecht kalkuliert kann man nicht sagen, wenn man weiß, dass stets rund 250 bis 300 Patienten in der Anstalt sind. Die Küche hätte das wissen müssen.

In der Zwischenzeit war ich 35 Tage trocken. Auch der Gedanke an meine ehemals so heiß geliebte Flasche Wodka verblasste zunehmend. Ein gutes Zeichen, wie ich meinte.

Fotos: Bernd Klaus Achter

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