Aus der Anstalt Pt.7

Mittlerweile geht alles seinen
gewohnten Gang, es hat sich alles normalisiert, nachem die
Feiertagswochen nun endgültig Geschichte sind. Die Weihnachtsdeko
wurde von den fleißigen Damen und Herren des Putzpersonals entfernt;
Kugeln, Lametta und Lichterketten in Kartons im Lager für das
nächste Jahr verstaut, die Bäume wurde abgeholt und in den
Tiergarten Schönbrunn zum Verfüttern gebracht.
Langsam trudeln auch das therapeutische
Personal und die medizinischen Fachkräfte aus ihren
Weihnachtsurlauben ein. Psychotherapien, Physiotherapien oder
Blutabnahme können nun wieder ohne Einschränkungen stattfinden.
Auch ich bin ein Stück mehr in der
Anstalt angekommen. Ich fühle mich nicht mehr fremd, ich fühle mich
nicht mehr so auf Zwischenstop zum nächsten Ziel, sondern als
Endstation für insgesamt acht Wochen. Und ich merke, dass in mir
Ruhe einkehrt. Nicht mehr das Gefühl zu haben "ich muss irgendwas
tun und zwar jetzt und am besten vieles gleichzeitig". Das war ja
unter anderem eine meiner psychischen Baustellen: Diese Ruhe- und
Rastlosigkeit, stets am Anschlag, vieles gleichzeitig begonnen, wenig
zu Ende gebracht. Wie auch, wenn man den Großteil betrunken ist.
Hier gibt es nur einige Fixpunkte wie
etwa die Zeiten für Frühstück, Mittag- und Abendessen. Zu
therapeutischen Maßnahmen oder Therapiegesprächen wird man in
wöchentlichen Plänen eingeteilt; die Zeitgestaltung für die
jeweilige Folgewoche war immer so eine Freitagsüberraschung, wenn
die Therapiepläne ausgegeben wurden.
Immer was zu tun
Für die Zeit nach dem Frühstück
wurde ich vom mir zugeteilten Therapeuten zum "Aktiven
Morgenerwachen" "verdonnert". Dehnübungen im Sitzen oder
Stehen, Gleichgewichtsspiele mit einem übergroßen Flummi-Ball,
Stretching mit einem Hanfseil und stilles In-Sich-Gehen, also
Pseudo-Meditieren. Gerade, dass die nicht begonnen haben, Oooom zu
singen. Meiner Erinnerung nach war ich einer von zwei Männern bei
rund 20 Teilnehmern. Aber mach das mal, wenn du dir beim Frühstück,
der einzig wirklich guten Mahlzeit des Tages, den Bauch vollgestopft
hast.
Nach dem Erwachen mit Meditation ohne
Oooom war Rauchpause angesagt. Raus in den Anstaltspark, wo ich im
Gegensatz zu anderen Rauchern mich mit der Zigarette in der Hand
durch den Park bewegte. Nur da stehen in der Kälte - ich war
schließlich im Winter in der Anstalt - wäre unerträglich gewesen.
Andere taten dies - also Herumstehen - und bibberten vor Kälte schon
nach dem zweiten oder dritten zug an der Zigarette. Manche setzten
sich noch auf die kalte und vereiste Parkbank.
Und so kam ich trotz geringem
Wirkungsradius doch auf durchschnittlich rund 12.000 Schritte pro
Tag. Mehr waren es, wenn ich Mittwoch Nachmittag Ausgang hatte und
mit meiner Liebsten zu Trafik, Supermarkt und am Liesingbach entlang
spazieren ging. Der Weg entlang des Liesingbachs führte eben von
Liesing, dem 23. Wiener Gemeindebezirk, bis in den Wienerwald. Und
meine Liebst und ich waren nahezu die einzigen, die den Weg entlang
schlenderten - wir hatten es ja nicht eilig - vermutlich war es
anderen zu kalt. So manche Mitpatienten bevorzugten es während des
Ausgangs, das nahegelegene Einkaufszentrum zu besuchen.
Nach der Rauchpause ging es ab in die
Kreativwerkstatt, um weiter zu töpfern, oder das bereits getöpferte
und gebrannte Stückgut zu lackieren. Zweimal wurde jedes Stück
lackiert, dann kam es noch einmal in den Brennofen und sollte somit
Lebensmittel-echt und Geschirrspüler-fest sein. Und war und ist gut
so für die drei Näpfe, die ich für meinen #BeagleEmil während
meines Aufenthalts in der Anstalt gefertigt hatte.
Essen ohne Reue?

Wie ich erwähnte, war das Frühstück
die wichtigste Mahlzeit des Tages. Da wusste man, was man bekommt,
dürfte es sich zum Teil auch aussuchen. Alles andere glich einem
Glücksspiel.
Ich nahm stets eine Semmel, ein Weckerl
nach Auswahl des Tages mit Leberwurstaufstrich sowie Wurst und Käse.
Dazu Müsli, bei dem man Nachholen konnte, so oft man wollte. Und
Kaffee. Natürlich, Kaffee, und davon viel, da sich mein
Schlafrhythmus in der Anstalt derart geändert hatte, dass ich
täglich bereits um halb fünf bis fünf morgens wach wurde und im
Haus unterwegs war.
Zum Mittagessen gab es Suppe und
Hauptspeise, manchmal ein Dessert, wenn es das Budget der Großküche
zuließ. Abends meist was Suppen-artiges; außer Dienstag und
Donnerstag, da gab es immer kalte Platte, also Wurst/Käse-Aufschnitt
mit Butter und Brot.
Das grauslichste Abendessen aller
Zeiten meines Lebens war eine eingebrannte Rollgerstl-Suppe ("a
eibrennte Suppn"). Nach zwei Löffeln dieser Küchenschandtat hatte
ich genug und stellte den noch vollen Teller in das Abräumregal. Ich
war, so sah ich am Regal, war wohl nicht der Einzige, dem dieses
Gericht nicht geschmeckt hat.
Grundsätzlich habe ich ja Verständnis
dafür, dass man es in einer Großküche nicht jedem Recht machen
kann. Dazu sind die Geschmäcker zu verscheiden. Und aus dem Grund
gab es separat auch immer Salz und Pfeffer in kleinen Papiersackerln
zum Nachwürzen. Waren doch mehrere Generationen in der Anstalt für
ein paar Wochen "beheimatet". Auch von Vielfalt konnte man nicht
sprechen, nach zwei bis drei Wochen wiederholte sich der Speiseplan;
und Dienstag und Donnerstag war ohnehin dem Aufschnitt-Teller
vorbehalten. Ganz schlimm aber ist der Umstand, dass der Großküche
eines Mittags die Hauptspeise ausgegangen ist. Aus Versehen schlecht
kalkuliert kann man nicht sagen, wenn man weiß, dass stets rund 250
bis 300 Patienten in der Anstalt sind. Die Küche hätte das
wissen müssen.
In der Zwischenzeit war ich 35 Tage
trocken. Auch der Gedanke an meine ehemals so heiß geliebte Flasche
Wodka verblasste zunehmend. Ein gutes Zeichen, wie ich meinte.
Fotos: Bernd Klaus Achter