Aus der Anstalt Pt.6

27.11.2025

Jede Zeit hat ihre Musik, auch in der Anstalt. Musik vringt einem das Gefühl an eine bestimmte Zeit wieder oder ruft die Erinnerung an diese bestimmte Zeit ins Gedächtnis ruft; im besten Fall ein schönes Gefühl zu einer schönen Erinnerung. In der kognitiven Psycholigie und der Neurowissenschaft nennen wir das "positiver Anker". 
So geht es mir mit der Musik, die ich in meiner Zeit in der Anstalt hörte bzw. über YouTube streamte. Musik spielte immer eine große Rolle in meinem Leben, sei es als aktiver Musiker am Bass, an der Gitarre oder der Mundharmonika - eigentlich der Blues Harp - sowie als Sammler von Musik und der zugehörigen Literatur. In der Anstalt vertrieb ich mir viel Zeit mit hören von Musik und Lesen darüber. Und das hat sich in meiner Erinnerung nachhaltig fest gebrannt.
So las ich in der Anstalt "Bob Dylans Like A Rolling Stone - die Biographie eines Songs" des amerikanischen Musikkritikers Greil Marcus. Ich habe Dylan immer schon gemocht, auch wenn er mich in den letzten Jahren mit seiner nie enden wollenden Tour schon ziemlich nervte. Ich habe einige Biographien über ihn gelesen sowie seine Songtexte vom Beginn seiner Karriere bis zum Jahr 2001 eifrig mitgelesen, während ich die Alben rauf und runter gespielt habe. Die Fülle an Dylan's Alben ist mittlerweile auf eine schier unermessliche Anzahl angewachsen. Wir reden hier nicht von den klassischen, offiziellen Alben, die der mittlerweile 84-jährige veröffentlicht hat. Wir reden hier auch von seinen Bootleg Series, die für uns Normalsterbliche nicht mehr nachvollziehbar sind. Greil Marcus weiß es vielleicht; ich auch nicht mehr, trotz des großen Interesses an den Werken des Altmeisters. Ebenso unzählig wie seine Alben, sind auch die Bücher und Artikel in Musikzeitschriften, die über ihn geschrieben wurden.
So begleitete mich ebene neben dem Buch von Greil Marcus auch Dylan's Musik auf YouTube, die ich - wenn ich nicht gerade in diesem oder einem anderen Buch las - mit Kopfhörer in der Lobby oder im Park der Anstalt hörte; mit eher bemühtem Automatenkaffee in der einen und (im Park) mit Zigarette in der anderen Hand.

Der Song "Like a Rolling Stone" und das zugehörige Album "Highway 61 Revisited" manifestieren im Jahr 1965 Dylans Übergang vom puristischen Folkie lediglich mit akustischer Gitarre hin zum elektrischen Sound mit Band. Waren es vorerst nur Studiomusiker mit denen er Song (Bob himself, Rhythmusgitarre, Mundharmonika, Gesang; Michael Bloomfield, Gitarre; Paul Griffin, Klavier; Al Kooper, Orgel; Bruce Langhorn, Tamburin; Joe Macho Jr., Bass; Bobby Gregg, drums) und Album einspielte, hatte er bald eine Begleitband, die ihn zumindest von 1965 bis 1967 (beispielsweise "Electric"-Tour 1965/66, "Basement Tapes" 1967) im Studio und auf Tourneen begleitete. Und zwar The Band, ehemals The Hawks, als die fünf Musiker - vier Kanadier und ein US-Amerikaner - noch für Hillbilly- und Country-Musiker Ronnie Hawkins als Begleitband arbeiteten. Harte Lehrjahre, wie die Musiker (Levon Helm - drums, mandoline, harp; Robbie Robertson - guit, backing voc; Richard Manuel - piano, drums; Rick Danko - bass, guitar, vionlie; Garth Hudson - organ, accordeon, saxophnoe) später einräumten.

The Band hörte ich erstmals auf einer Party bei Hannes, einem Heurigenbesitzer in meiner Heimatstadt, Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Und, es war schlichtweg eine Offenbarung. "The Last Waltz", das Abschiedskonzert von The Band, das am 25. November 1976 (Thanksgivingday) im Winterland Ballroom in San Francisco stattfand und sowohl als Konzert aufgenommen als auch filmisch begleitet wurde.
Zahlreiche Stars der damaligen Rock-, Folk- und Countryrock-Szene und zugleich Wegbeleiter traten gemeinsam mit The Band auf; etwa: Ronnie Hawkins ("Who do you love"), Dr. John ("Such a night"), Emmylou Harris ("Evangeline"), Joni Mitchell ("Coyote"), Neil Diamnd ("Try your eyes") und natürlich Bob Dylan ("I shall be released").
Die Veröffentlichung des Musik-Dokumentarfilms "The Last Waltz", unter der Regie und in Zusammenarbeit mit dem damals schon renommierten Regisseur Martin Scorsese (etwa "Taxi Driver"), erfolgte im Jahr 1978, das 3er Vinyl-Album erschien bereits Ende 1976. "The Last Waltz" markierte vorerst das Ende einer der größten und vielfältigsten Live- und Begleit-Bands der späten 60er und der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Und dieses Album wie auch das gesamt Oevre von The Band und Bob Dylan haben mich nie mehr losgelassen.
Nur drei oder vier weitere Musik-Acts können es für mich mit diesem Stellenwert aufnehmen: Bruce Springsteen, Tom Petty, John Hiatt und, natürlich, die Mutter aller Rockmusik: Led Zeppelin. Und durch die musikalische Berührung mit The Band in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts begann ich mich auch für andere Künstler dieser Ära zu interessieren. Etwa für Emmylou Harris, Neil Young, Jackson Browne, Van Morrison, John Mellencamp Southside Johnny & The Asbury Dukes, Dolly Parton (bitte nicht schlagen!), Linda Ronstadt, Steve van Zandt & The Disciples of Soul, und, und, und. Alles Musik, die noch ohne Voice-Autotune arbeitete - ja, die trafen auch ohne Computerbearbeitung einen Ton; heißt: die konnten echt (sic!) singen - und ohne Drumcomputer oder irgendeinem elektronischen Firlefanz auskam. Und alles Musik, die mich acht Wochen lang in der Anstalt begleitete.

Fotos: Bernd Klaus Achter
Quellen: "Like a Rolling Stone - Biographie eines Songs", Greil Marcus; "Lyrics 1962 - 2001", Bob Dylan


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