Aus der Anstalt Pt.5

So, jetzt haben den
Heilig-Dreikönigs-Tag auch durch. Kaspar, Melchior und Balthasar
sind wieder in der Wüste des Vorderen Orients entschwunden. Das
Leben kann sich jetzt wieder normalisieren. Auch in der Anstalt.
Als notorischer Frühaufsteher, der ich
mittlerweile geworden bin, kannte ich nun das (meist) weibliche
Putzpersonal beim Vornamen und war mit ihnen per Du. Die Damen waren
ein interkultureller Mix, sehr freundlich und immer spaßig drauf -
auch wenn es fünf Uhr Früh war, als sie ihren Dienst begannen.
Dafür konnten sie mittags heim zu den Familien oder zumindest den
Kindern. Der nächste Trupp trat an und schuftete bis sieben Uhr
abends. Es war, als hätte man vom Boden essen können.
Dafür nervte mich die Strickliesl nach
wie vor mit Abschnitten aus ihrer Lebensgeschichte. Also, wie oft sie
verheiratet war, dass sie jetzt einen neuen Mann an ihrer Seite hat
und, dass die Weste oder den Pulli – für mich ein undefinierbares
Stück zusammengeschusterter Wolle - für Ihren Enkelsohn sei. Jetzt
stehe ich ja auch nur mehr kurz vor dem 60. Geburtstag, aber ich
schätzte Strickliesl auf rund zehn Jahre älter, als ich es bin.
Also so 65 bis 70 hätte ich sie geschätzt. Und die Anwesenheit
dieser Dame blieb mir ja auch bei weiteren Aktivitäten innerhalb und
außerhalb der Anstalt nicht erspart. Am Tag nach dem
Heilig-Dreikönigs-Tag, es war ein Dienstag, war ich wieder in der
Kreativwerkstatt eingeteilt. Und wer saß da am Basteltisch: die
Strickliesl, und knotete an einem "Traumfänger" herum. Sie
wissen, das sind diese kreisrunden Ringe, an denen man Schnüre,
Perlen und Adlerfedern - wie auch die amerikanischen Natives - drauf
machte. Na, da wird bei Strickliesl zuhause bald ausg'steckt sein.
Prost.
Und am darauffolgenden Mittwoch -
Mittwochs war für die Patienten immer freier Ausgeh-Nachmittag von
15 bis 18 Uhr 30 - traf ich sie, als ich mit meiner Liebsten zuerst
in der Trafik und dann im Supermarkt einkaufen war - Nachschub von
Zigaretten und Müsli-Riegeln. Strickliesl kaufe Orangensaft im
Tetrapack sowie unzählige Tafeln Schokolade im Supermarkt.
Lasset uns Töpfern!
Insgesamt tat mir die Kreativwerkstatt
gut. Trug ich morgens nach dem Frühstück noch den Gedanke in mir,
dass ein doppelter Wodka aktuell ein Gewinn für mich sei, verschwand
dieser Gedanke in dem Moment, wo das Werkstück beim Töpfern meine
ganze Aufmerksamkeit benötigte. So gestaltete ich nicht nur drei
Näpfe für meinen Beagle Emil, zwei Aschenbecher für mich, sondern
auch drei Deko-Schalen für meine Liebste, meine Eltern und mich
selbst. Nach dem Aufenthalt in der Anstalt stellte ich im Übrigen
fest, dass sich meine Eltern dieses ungelenk kreierte Unding doch
tatsächlich am großen Esstisch zur Dekoration aufgestellt hatten.
Meine Liebste tat es in die einsehbare Glasvitrine. Bei mir selst
fand die Dekoschlae auf meinem Schachtisch neben einer Blumenvase
Verwenung und sollte im kommenden Herbst mit Kastanien befüllt
werden.
Aber, es waren dieses Tun, das
Beschäftigen der Hände, die geistige Fokussierung, die den
Suchtdruck verschwinden ließen. Und, er kam den ganzen Tag nicht
wieder.

Über das Lesen, die Literatur und die Musik
In der Anstalt kam ich auch wieder ins
Lesen. Zuvor war das unmöglich. Schließlich senkt permanenter
Alkoholkonsum die Gehirnaktivität sowie Merkfähigkeit und die
Aufmerksamkeitsspanne. Wäre ich bei einem Buch bei Kapitel vier
angekommen, hätte ich mich vermutlich nicht mehr an Kapitel zwei
erinnern können. Wenn ich es überhaupt geschafft hätte, zwei bis
drei Kapitel in einem Stück zu lesen. Auch ein mehrseitiger Artikel
in einer Zeitschrift schien unmöglich. Bei den Sonntagszeitungen las
ich stets nur die Headlines; dann musste ich mir schon eine Zigarette
anstecken - so fahrig war ich durch die Trinkerei geworden.
Also ging ich Tage vor dem Einchecken
in die Anstalt zum Buchhändler meines Vertrauens und deckte mich mit
aktuellem Lesestoff ein, der - neben Büchern, die zwar den Weg in
mein Bücherregal gefunden hatte aber nie gelesen wurden - in meinem
Koffer landete. Drei Bücher überraschten mich positiv. Eines war so
ein la, la la gute Laune Krimi, völlig unrealistisch, in dem eine
naja, was war die denn - ja, zumindest das Gspusi vom Kommissar mit
einem Hund, irgendwie eine Verschwörung der Russenmafia im tiefsten
bayrischen Wald aufdeckte. Dann war da der neue Kriminalroman eines
österreichischen Kabarettisten, Autors und Schauspielers, der im
kroatisch besiedelten Teil des Burgenlandes spielt. Ich weiss nicht,
der wievielte Roman das war, aber mir schien, dieser Herr wäre als
Kabarettist nicht genügend ausgelastet, und muss uns uns dann mit
einem – gelinde gesagt – faden und unschlüssigen "Schamott"
belästigen. Dieser Kriminalroman, der irgendwas mit Allerheiligen zu
tun hat, ist genauso fad, wie der Kriminalroman, der mit Eierkratzen
zu tun hat. Und zu allem Überfluss wurden diese Romane noch
verfilmt, mit - ja, genau - dem Autor himself in der Hauptrolle.
Manchen Menschen scheint gar nichts zu blöde zu sein.
Und dann waren drei durchaus
faszinierende Bücher wie "Radio", über die Geschichte des
selbigen, "Like a Rolling Stone", in dem Autor Greil Markus über
das Entstehen dieses weltberühmten Songs von Bob Dylan und das
damalige musikhistorische Umfeld doziert. Und schließlich "Das
Leben und das Schreiben" vom Meister der Horrorliteratur himself,
Stephen King.
Natürlich könnte man trefflich
darüber streiten, welchen Sinn es mache, ein ganzes Buch über die
Entstehungsgeschichte eines einzigen Songs von
Literaturnobelpreisträger Bob Dylan zu schreiben. Dieses Buch ist
ein Lehrstück über den Umbruch in der Musikgeschichte und der
Musikindustrie gleichermaßen. Und es ist tatsächlich auch ein
musikgeschichtliches Werk, nahezu lexikal geführt über Hitparaden,
die handelnden Künstler, die handelnden Besetzungen oder
Studiomusiker und den Einfluss auf die kommenden Jahre. Für jemanden
Musikinteressierten wie mich ein nahezu paradiesisches Buch. Böse
bin ich Greil Marcus aber dennoch. In einem anderen Buch bezeichnete
er den (Slide-)Gitarristen Duane Allman von The Allman Brothers Band,
schlichtweg die größte Southern Rock Fusion Band, als überbewertet.
Und Stephen King zeigt in seinem Buch
Buch "Das Leben und das Schreiben" auf, dass es nicht so einfach
ist, als junger Autor das Bein in die Türe eines Verlages zu
bekommen oder gar gutes Geld zu verdienen. Und, dass es den
Schreiberling nicht kreativer macht, wenn er säuft. Stephen King
outet sich als Alkoholiker in seinen jungen Jahren. Mit Hilfe seiner
Frau und zunehmendem Erfolg hat er den Absprung vom Trinken
geschafft.Viele seiner Romane wurde verfilmt, die Auflagen schossen
in astronomische Höhen.
Ich trug in der Anstalt stets eine
Umhängetasche an mir, indem sich mein Portemonnaie, alle wichtigen
Papiere, Augengläser, Kopfhörer für das Smartphone und der jeweils
aktuelle Lesestoff befanden. Ich nutzte sämtliche freie Zeit
zwischen den einzelen Veranstaltungen. Vor allem aber las ich abends
in Lobby mit Automatenkaffee nach dem Abendessen bis zu den
Nachttabletten um 22 Uhr. Dann noch eine Zigarette rauchen und der
Tag war zu Ende - Nachtruhe um 22 Uhr 30.
Dann hatte ich nichts mehr
Mitgebrachtes zu Lesen, aber noch drei Wochen Anstalt vor mir. Also
lieh ich mir Krimi-Literatur von meiner Liebsten. In den
verbleibenden drei Wochen sollte ich dann noch vier Krimis schaffen.

Die Lust zu lesen und mich auch darauf
einzulassen, ist mir nach dem Aufenthalt in der Anstalt geblieben.
Und ich kann mich wieder konzentrieren; und mir auch im vierten
Kapitel merken, was im zweiten passiert ist. Trocken zu sein macht es
möglich.
Literatur, Bücher und Lesen waren für
mich immer faszinierend; das Eintauchen in andere Welten und
Gedanken. Stundenlang konnte ich mit Büchern verbringen. So las ich
gegen Ende der Oberstufe - also noch als Jugendlicher - an einem
Wochenende die komplette Theaterliteratur von Arthur Schnitzler, bis
heute einer meiner Lieblinge. Oder als ich als junger Erwachsener in
nur einer Woche das bis dahin veröffentlichte Werke von Stephen King
und in einer anderen Woche jenes von John Irving verschlang.
Aber wofür schreiben wir? Eindeutige
Antwort: für die Leser; zur Unterhaltung, um Gedanken anzuregen, zur
Weiterbildung. Niemand schreibt für Kritiker oder die
Marketingabteilung eines Verlages, der ja wie jedes
Wirtschaftsunternehmen Geld mit einem Autor verdienen will. Der autor
selbst hat von einem in einem klassischen Verlage verlegten Buch, den
geringsten Gewinn.
Es ist wie bei (Rock-)Musikern. Diese
selbst verdienen am wenigsten vom großen Kuchen; vor allem in den
Anfangsjahren etwa eines Bandprojektes. Die Musikgeschichte ist voll
von Geschichten, wo Manager und Plattenfirmen sowie deren
Marketingabteilungen Musiker und deren Projekte mit windigen,
unethischen und teils illegalen Verträgen zu Fall gebracht oder
zumindest eine jahrzehntelangen Rechtestreit verursacht haben.
Oftmals wurden Musiker um ihr Geld schlichtweg betrogen.
Und die wahre Kretze am Arsch von Literatur und Musik sind die Kritiker. Sie sind verhinderte Literaten oder verhinderte Musiker, die einfach nicht das Zeug hatten selbst tätig und dabei erfolgreich zu werden, sich aber in Kritiken von Tageszeitungen und Magazinen aufspielen, als hätten sie diese Materie zumindest theoretisch studiert. Glauben Sie mir, die wenigsten haben das. Vielfach haben Literaturkritiker, das Buch, das sie in einem Text "besprechen" gar nicht mal gelesen. Analog dazu gilt dies auch für den Musikkritiker. Platte niemals gehört, auch auf dem Konzert nicht gewesen, aber: Urteil abgeben. In Wien gibt es schon lange ein Gerücht über einen Musikjournalisten einer österreichischen Tageszeitung, der fleißig eine Konzertreview geschrieben hat, nachweislich zum Zeitpunkt des Konzertes aber Kilometer weit weg in einen Beisl an der Bar saß und Bier trank.
Und die Pest am Arsch beider künstlerischen Branchen sind die Marketingabteilungen von Verlagen und Plattenfirmen, die einfach und allein nur gewinnorientiert denken, und denen das Wohlergehen und manchmal auch das Schicksal der Künstler in Wahrheit völlig egal ist. Nun, Marketing- und PR-Abteilungen können Künstler groß machen, sie dahin dümpeln lassen, oder gar vernichten.
Ich selbst bin ja kein
Literaturkritiker, aber ich halte Dan Brown für bestenfalls einen
durchschnittlichen Autor im Vergleich zu etwa Stephen King, John
Irving, Umberto Eco, Philipp Roth, Lawrence Norfolk oder die
Erzähltradition der amerikanischen Beatnik-Generation sowie
zahlreicher österreichischer Schriftsteller. Browns zuletzt
erschienener Roman "The secret of secrets" konnte nur durch
brutales Verlagsmarketing und die in Erinnerung gebliebenen
Verfilmungen dreier Romane eine so hohe Startauflage erreichen. So
wurden "Sakrileg - The DaVinci Code" und "Illuminati" mit Tom
Hanks als Robert Langdon in der Hauptrolle verfilmt. Was wiederum den
meines Erachtens nach eher mittelmäßigen Büchern zusätzliche
Auflage bescherte. Die vielfach rezitierten Verschwörungstheorien
und Geheimbünde mit allerlei Unerklärlichem taten ihr Übriges
dazu.
Aber eine Verfilmung, sofern diese im
Verlagsvertrag geregelt wurde, ist neben einer wirklich extrem hoher
Auflage oftmals die einzige Möglichkeit für einen Schriftsteller
wirklich ordentlich Geld zu verdienen. Wenn man sich die Honorare in
Österreich betrachtet, die Autoren für Ihre Werke bei
durchschnittlicher Auflage per verkauftem Exemplar bekommen, fragt
man sich, warum tun die sich das an.
Aber all das sol uns von der
Faszination der Literatur oder der Musik, dem Lesen oder Anhören
keinesfalls abhalten. Diese Art von Eskapismus ist die weitaus
gesündere, als sich sogenannte Reality Shows im Trash TV anzusehen.
Im Gegensatz zu Literatur und Musik bildet das nicht, sondern läßt
uns verblöden. Der Pisa-Test lässt grüßen.
Fotos: Bernd Klaus Achter