Aus der Anstalt Pt.5

17.10.2025

So, jetzt haben den Heilig-Dreikönigs-Tag auch durch. Kaspar, Melchior und Balthasar sind wieder in der Wüste des Vorderen Orients entschwunden. Das Leben kann sich jetzt wieder normalisieren. Auch in der Anstalt.
Als notorischer Frühaufsteher, der ich mittlerweile geworden bin, kannte ich nun das (meist) weibliche Putzpersonal beim Vornamen und war mit ihnen per Du. Die Damen waren ein interkultureller Mix, sehr freundlich und immer spaßig drauf - auch wenn es fünf Uhr Früh war, als sie ihren Dienst begannen. Dafür konnten sie mittags heim zu den Familien oder zumindest den Kindern. Der nächste Trupp trat an und schuftete bis sieben Uhr abends. Es war, als hätte man vom Boden essen können.
Dafür nervte mich die Strickliesl nach wie vor mit Abschnitten aus ihrer Lebensgeschichte. Also, wie oft sie verheiratet war, dass sie jetzt einen neuen Mann an ihrer Seite hat und, dass die Weste oder den Pulli – für mich ein undefinierbares Stück zusammengeschusterter Wolle - für Ihren Enkelsohn sei. Jetzt stehe ich ja auch nur mehr kurz vor dem 60. Geburtstag, aber ich schätzte Strickliesl auf rund zehn Jahre älter, als ich es bin. Also so 65 bis 70 hätte ich sie geschätzt. Und die Anwesenheit dieser Dame blieb mir ja auch bei weiteren Aktivitäten innerhalb und außerhalb der Anstalt nicht erspart. Am Tag nach dem Heilig-Dreikönigs-Tag, es war ein Dienstag, war ich wieder in der Kreativwerkstatt eingeteilt. Und wer saß da am Basteltisch: die Strickliesl, und knotete an einem "Traumfänger" herum. Sie wissen, das sind diese kreisrunden Ringe, an denen man Schnüre, Perlen und Adlerfedern - wie auch die amerikanischen Natives - drauf machte. Na, da wird bei Strickliesl zuhause bald ausg'steckt sein. Prost.
Und am darauffolgenden Mittwoch - Mittwochs war für die Patienten immer freier Ausgeh-Nachmittag von 15 bis 18 Uhr 30 - traf ich sie, als ich mit meiner Liebsten zuerst in der Trafik und dann im Supermarkt einkaufen war - Nachschub von Zigaretten und Müsli-Riegeln. Strickliesl kaufe Orangensaft im Tetrapack sowie unzählige Tafeln Schokolade im Supermarkt.

Lasset uns Töpfern!

Insgesamt tat mir die Kreativwerkstatt gut. Trug ich morgens nach dem Frühstück noch den Gedanke in mir, dass ein doppelter Wodka aktuell ein Gewinn für mich sei, verschwand dieser Gedanke in dem Moment, wo das Werkstück beim Töpfern meine ganze Aufmerksamkeit benötigte. So gestaltete ich nicht nur drei Näpfe für meinen Beagle Emil, zwei Aschenbecher für mich, sondern auch drei Deko-Schalen für meine Liebste, meine Eltern und mich selbst. Nach dem Aufenthalt in der Anstalt stellte ich im Übrigen fest, dass sich meine Eltern dieses ungelenk kreierte Unding doch tatsächlich am großen Esstisch zur Dekoration aufgestellt hatten. Meine Liebste tat es in die einsehbare Glasvitrine. Bei mir selst fand die Dekoschlae auf meinem Schachtisch neben einer Blumenvase Verwenung und sollte im kommenden Herbst mit Kastanien befüllt werden.
Aber, es waren dieses Tun, das Beschäftigen der Hände, die geistige Fokussierung, die den Suchtdruck verschwinden ließen. Und, er kam den ganzen Tag nicht wieder.

Über das Lesen, die Literatur und die Musik

In der Anstalt kam ich auch wieder ins Lesen. Zuvor war das unmöglich. Schließlich senkt permanenter Alkoholkonsum die Gehirnaktivität sowie Merkfähigkeit und die Aufmerksamkeitsspanne. Wäre ich bei einem Buch bei Kapitel vier angekommen, hätte ich mich vermutlich nicht mehr an Kapitel zwei erinnern können. Wenn ich es überhaupt geschafft hätte, zwei bis drei Kapitel in einem Stück zu lesen. Auch ein mehrseitiger Artikel in einer Zeitschrift schien unmöglich. Bei den Sonntagszeitungen las ich stets nur die Headlines; dann musste ich mir schon eine Zigarette anstecken - so fahrig war ich durch die Trinkerei geworden.
Also ging ich Tage vor dem Einchecken in die Anstalt zum Buchhändler meines Vertrauens und deckte mich mit aktuellem Lesestoff ein, der - neben Büchern, die zwar den Weg in mein Bücherregal gefunden hatte aber nie gelesen wurden - in meinem Koffer landete. Drei Bücher überraschten mich positiv. Eines war so ein la, la la gute Laune Krimi, völlig unrealistisch, in dem eine naja, was war die denn - ja, zumindest das Gspusi vom Kommissar mit einem Hund, irgendwie eine Verschwörung der Russenmafia im tiefsten bayrischen Wald aufdeckte. Dann war da der neue Kriminalroman eines österreichischen Kabarettisten, Autors und Schauspielers, der im kroatisch besiedelten Teil des Burgenlandes spielt. Ich weiss nicht, der wievielte Roman das war, aber mir schien, dieser Herr wäre als Kabarettist nicht genügend ausgelastet, und muss uns uns dann mit einem – gelinde gesagt – faden und unschlüssigen "Schamott" belästigen. Dieser Kriminalroman, der irgendwas mit Allerheiligen zu tun hat, ist genauso fad, wie der Kriminalroman, der mit Eierkratzen zu tun hat. Und zu allem Überfluss wurden diese Romane noch verfilmt, mit - ja, genau - dem Autor himself in der Hauptrolle. Manchen Menschen scheint gar nichts zu blöde zu sein.
Und dann waren drei durchaus faszinierende Bücher wie "Radio", über die Geschichte des selbigen, "Like a Rolling Stone", in dem Autor Greil Markus über das Entstehen dieses weltberühmten Songs von Bob Dylan und das damalige musikhistorische Umfeld doziert. Und schließlich "Das Leben und das Schreiben" vom Meister der Horrorliteratur himself, Stephen King.
Natürlich könnte man trefflich darüber streiten, welchen Sinn es mache, ein ganzes Buch über die Entstehungsgeschichte eines einzigen Songs von Literaturnobelpreisträger Bob Dylan zu schreiben. Dieses Buch ist ein Lehrstück über den Umbruch in der Musikgeschichte und der Musikindustrie gleichermaßen. Und es ist tatsächlich auch ein musikgeschichtliches Werk, nahezu lexikal geführt über Hitparaden, die handelnden Künstler, die handelnden Besetzungen oder Studiomusiker und den Einfluss auf die kommenden Jahre. Für jemanden Musikinteressierten wie mich ein nahezu paradiesisches Buch. Böse bin ich Greil Marcus aber dennoch. In einem anderen Buch bezeichnete er den (Slide-)Gitarristen Duane Allman von The Allman Brothers Band, schlichtweg die größte Southern Rock Fusion Band, als überbewertet.
Und Stephen King zeigt in seinem Buch Buch "Das Leben und das Schreiben" auf, dass es nicht so einfach ist, als junger Autor das Bein in die Türe eines Verlages zu bekommen oder gar gutes Geld zu verdienen. Und, dass es den Schreiberling nicht kreativer macht, wenn er säuft. Stephen King outet sich als Alkoholiker in seinen jungen Jahren. Mit Hilfe seiner Frau und zunehmendem Erfolg hat er den Absprung vom Trinken geschafft.Viele seiner Romane wurde verfilmt, die Auflagen schossen in astronomische Höhen.
Ich trug in der Anstalt stets eine Umhängetasche an mir, indem sich mein Portemonnaie, alle wichtigen Papiere, Augengläser, Kopfhörer für das Smartphone und der jeweils aktuelle Lesestoff befanden. Ich nutzte sämtliche freie Zeit zwischen den einzelen Veranstaltungen. Vor allem aber las ich abends in Lobby mit Automatenkaffee nach dem Abendessen bis zu den Nachttabletten um 22 Uhr. Dann noch eine Zigarette rauchen und der Tag war zu Ende - Nachtruhe um 22 Uhr 30.
Dann hatte ich nichts mehr Mitgebrachtes zu Lesen, aber noch drei Wochen Anstalt vor mir. Also lieh ich mir Krimi-Literatur von meiner Liebsten. In den verbleibenden drei Wochen sollte ich dann noch vier Krimis schaffen.

Die Lust zu lesen und mich auch darauf einzulassen, ist mir nach dem Aufenthalt in der Anstalt geblieben. Und ich kann mich wieder konzentrieren; und mir auch im vierten Kapitel merken, was im zweiten passiert ist. Trocken zu sein macht es möglich.
Literatur, Bücher und Lesen waren für mich immer faszinierend; das Eintauchen in andere Welten und Gedanken. Stundenlang konnte ich mit Büchern verbringen. So las ich gegen Ende der Oberstufe - also noch als Jugendlicher - an einem Wochenende die komplette Theaterliteratur von Arthur Schnitzler, bis heute einer meiner Lieblinge. Oder als ich als junger Erwachsener in nur einer Woche das bis dahin veröffentlichte Werke von Stephen King und in einer anderen Woche jenes von John Irving verschlang.

Aber wofür schreiben wir? Eindeutige Antwort: für die Leser; zur Unterhaltung, um Gedanken anzuregen, zur Weiterbildung. Niemand schreibt für Kritiker oder die Marketingabteilung eines Verlages, der ja wie jedes Wirtschaftsunternehmen Geld mit einem Autor verdienen will. Der autor selbst hat von einem in einem klassischen Verlage verlegten Buch, den geringsten Gewinn.
Es ist wie bei (Rock-)Musikern. Diese selbst verdienen am wenigsten vom großen Kuchen; vor allem in den Anfangsjahren etwa eines Bandprojektes. Die Musikgeschichte ist voll von Geschichten, wo Manager und Plattenfirmen sowie deren Marketingabteilungen Musiker und deren Projekte mit windigen, unethischen und teils illegalen Verträgen zu Fall gebracht oder zumindest eine jahrzehntelangen Rechtestreit verursacht haben. Oftmals wurden Musiker um ihr Geld schlichtweg betrogen.

Und die wahre Kretze am Arsch von Literatur und Musik sind die Kritiker. Sie sind verhinderte Literaten oder verhinderte Musiker, die einfach nicht das Zeug hatten selbst tätig und dabei erfolgreich zu werden, sich aber in Kritiken von Tageszeitungen und Magazinen aufspielen, als hätten sie diese Materie zumindest theoretisch studiert. Glauben Sie mir, die wenigsten haben das. Vielfach haben Literaturkritiker, das Buch, das sie in einem Text "besprechen" gar nicht mal gelesen. Analog dazu gilt dies auch für den Musikkritiker. Platte niemals gehört, auch auf dem Konzert nicht gewesen, aber: Urteil abgeben. In Wien gibt es schon lange ein Gerücht über einen Musikjournalisten einer österreichischen Tageszeitung, der fleißig eine Konzertreview geschrieben hat, nachweislich zum Zeitpunkt des Konzertes aber Kilometer weit weg in einen Beisl an der Bar saß und Bier trank.

Und die Pest am Arsch beider künstlerischen Branchen sind die Marketingabteilungen von Verlagen und Plattenfirmen, die einfach und allein nur gewinnorientiert denken, und denen das Wohlergehen und manchmal auch das Schicksal der Künstler in Wahrheit völlig egal ist. Nun, Marketing- und PR-Abteilungen können Künstler groß machen, sie dahin dümpeln lassen, oder gar vernichten.

Ich selbst bin ja kein Literaturkritiker, aber ich halte Dan Brown für bestenfalls einen durchschnittlichen Autor im Vergleich zu etwa Stephen King, John Irving, Umberto Eco, Philipp Roth, Lawrence Norfolk oder die Erzähltradition der amerikanischen Beatnik-Generation sowie zahlreicher österreichischer Schriftsteller. Browns zuletzt erschienener Roman "The secret of secrets" konnte nur durch brutales Verlagsmarketing und die in Erinnerung gebliebenen Verfilmungen dreier Romane eine so hohe Startauflage erreichen. So wurden "Sakrileg - The DaVinci Code" und "Illuminati" mit Tom Hanks als Robert Langdon in der Hauptrolle verfilmt. Was wiederum den meines Erachtens nach eher mittelmäßigen Büchern zusätzliche Auflage bescherte. Die vielfach rezitierten Verschwörungstheorien und Geheimbünde mit allerlei Unerklärlichem taten ihr Übriges dazu.
Aber eine Verfilmung, sofern diese im Verlagsvertrag geregelt wurde, ist neben einer wirklich extrem hoher Auflage oftmals die einzige Möglichkeit für einen Schriftsteller wirklich ordentlich Geld zu verdienen. Wenn man sich die Honorare in Österreich betrachtet, die Autoren für Ihre Werke bei durchschnittlicher Auflage per verkauftem Exemplar bekommen, fragt man sich, warum tun die sich das an.
Aber all das sol uns von der Faszination der Literatur oder der Musik, dem Lesen oder Anhören keinesfalls abhalten. Diese Art von Eskapismus ist die weitaus gesündere, als sich sogenannte Reality Shows im Trash TV anzusehen. Im Gegensatz zu Literatur und Musik bildet das nicht, sondern läßt uns verblöden. Der Pisa-Test lässt grüßen.

Fotos: Bernd Klaus Achter

Erstellen Sie Ihre Webseite gratis! Diese Website wurde mit Webnode erstellt. Erstellen Sie Ihre eigene Seite noch heute kostenfrei! Los geht´s