Aus der Anstalt Pt.4

Es ist der Tag nach Neujahr. Endlich
kommt ein wenig Leben in die Anstalt, jetzt, wo die Feiertage vorbei
sind. In meiner ersten Woche ist ohnehin nichts passiert; die erste
Woche dient der Akklimatisierung, dem Ankommen und der vollständigen
körperlichen Ausnüchterung. Ich wäre aufgrund der hohen
Einstellung der Benzos, die den Prozess des körperlichen Entzuges
unterstützen, ohnehin zu nichts in der Lage gewesen. Ich mußte
sogar zwei Tage auf Nahrungsaufnahme verzichten, da ich mit den
Krücken das Tablett mit den Speisen keineswegs unfallfrei von der
Essensausgabe zum Tisch bringen hätte können. Und dann, als ich die
Krücken wieder zurückgeben konnte, die Dosis der Benzos stückweise
gesenkt wurde, war die Weihnachts-Neujahrs-Feiertagswoche. Das
Personal war weitgehend auf Urlaub.
Nun, am Tag nach Neujahr bekam ich
endlich einen Psychotherapeuten zugewiesen, ohne den ja gar nichts
geht. Jede Therapiemaßnahme, die man besuchen möchte muss von dem
selbigen zugewiesen werden. Nun war mit Ausnahme körperlicher
Betätigung wie etwa Waldspaziergänge in der Therapiegruppe oder
Fitnessstudio alles möglich. Körperliche Betätigung deshalb nicht,
da Benzos, die am "Ausschleichen" waren, das Körpergefühl
massiv beeinträchtigen können; damit wäre Verletzungsgefahr
vorprogrammiert, so mein Therapeut. Morgendliches "Aktives
Erwachen" hätte ich machen dürfen, weil man da eh sitzt. Also,
kann man sich weder den Knöchel verstauchen noch das Bein verdrehen.
Aber dazu hatte ich keine Lust. Zu geraucht von Raucherstäbchen,
esoterischem Gelaber und Pling-Ploing Musik aus der
Klangschalen-Konserve; nein, danke. Um diese Zeit - also um 8 Uhr 30
- trank ich lieber noch den dritten Kaffe und ging, Kaffeetasse in
der linken und Zigarette in der rechten Hand, gemütlich durch den
Anstaltspark.
Was ich aber cool fand, war die
Kreativwerkstatt, zu der mich mein Therapeut zuwies. Da konnte man
sich kreativ austoben: Zeichnen, Malen, Traumfänger basteln
("Ausg'steckt is'"), irgendwas mit Holz und... Töpfern. Ich
entscheid mich für Töpfern. Das hatte ich zuvor noch nie gemacht,
und etwas mit den Händen zu tun, lenkt vom Gedanken an Alkohol ab.
Wie übrig alles, was man tut, vorzugsweise manuell, vom Gedanken an
Alkohol ablenkt. Das Bedürfnis nach Wodka sinkt gegen null. Also
töpferte ich mit Trockenton, wo es darum ging, das material in eine
bestimmte Form zu bringen. Ich entschied mich für Schüsseln, die
zuhause als Napf für meinen geliebten Beagle Emil verwenden konnte,
sowie Schalen für meine Liebste, meine Eltern und mich, in die man
dann Duft-Potpourris - aber bitte nicht die vom Ikea, die stinken
alle nach Klo - oder später im Jahr Kastanien zur Herbstdeko
einfüllen konnte.
So knetete ich dreimal in der Woche in
der Kreativwerkstatt vor mich hin. Es hatte durchaus meditativen
Charakter. Nach den Sessions war ich aber so was von entspannt. Die
Betreuung durch die Sozialarbeiter war angenehm, nicht zu
aufdringlich, aber stets hilfsbereit.
Für meinen Beagle Emil formte ich drei
Schalen, die zuhause als Näpfe für Wasser und Futter dienen würden
– den Namen des Hundes mit Werkzeug eingraviert. Diese wurden im
Ofen gebrannt, dann von mir rot lackiert, damit sie zu den
Küchenfronten passen und nochmals gebrannt. Die Farben waren
lebensmittelecht und das ganze Teil war Geschirrspülmaschen-fest.
Und das habe ich später auch getestet. Ja, es stimmt(e). Mir selber
habe ich zwei kleine Schalen geknetet, die zuhause als Aschenbecher
dienen sollten - eine in weiß gehalten für's Wohnzimmer, eine in
rot gehalten für die Küche. Die Deko-Schalen wurden allesamt in
Weiß gehalten. Ich dachte, das wäre der neutralste Weg.

Parallel zur Kreativwerkstatt begann
auch der Reigen meiner Psychotherapie-Sitzungen, zwei mal wöchentlich.
Die erste Frage bei der ersten Sitzung war - wie nicht anders zu
erwarten: "Warum trinken Sie?". Wie oft habe ich diese frage von
Therapeut*innen schon gestellt bekommen? Meine Antwort wie immer:
"Warum nicht?" Ich hätte auch antworten können: "Ich weiß es
nicht!".
Teilweise wusste ich es schon, aber,
was geht die ganze Geschichte, oder die ganzen Geschichten, den
Therapeuten an. In meinen Augen gar nichts. Ich weiß, das ist nicht
die beste Basis für eine erfolgreiche Therapie. Aber, vermutlich ist
das eine meiner Strategien, eine klare Vermeidungsstrategie, sich der
reinen Wahrheit und damit auch einer gewissen Verantwortung zu
stellen und sich gar aus dieser heraus zu stehlen.Und die zweite
"berühmte" Frage, die ja kommen musste, war: "Hatten Sie schon
mal Suizid-Gedanken?" Nein, hatt ich nicht. Dazu ist das Leben,
auch wenn es mal nicht so rund läuft, viel zu wertvoll. Aber diese
Frage stellte mir der diensthabende Pfleger und der diensthabende
Arzt schon beim Eingangsgespräche zwei Wochen zuvor. Ein Suizid
hinterlässt einen nie wieder gut zu machenden Schmerz bei den
Hinterbliebenen; dem Täter selbst kann es ja eh egal sein, der liegt
dann ohnehin unter der Erde oder wird zu Asche verbrannt.
Freunde werden Psychotherapeut*innen
und ich in diesem Leben jedenfalls nicht mehr.
Der Schwede und die Leiche
Der Schwede Kalr kehrte zurück in die
Anstalt, die er vor einer Woche wegen eines Lungeninfekts in Richtung
Krankenhaus verlassen musste. Aber trotz der Lungenprobleme waren ihm
seine Winston wichtig. Er stieg halt von roten, stärkere auf die
leichteren blauen um. Egal, Rauchen ist Rauchen und dem Infekt sicher
nicht heilend zuträglich.
Jedenfalls hatte er einiges zu
erzählen. So lag er mit einem über 80-jährigen Mann im Zimmer.
Jener verstarb über Nacht. Die Schwestern kamen, um ihn zu waschen
und so für Transport und Beerdigung her zu richten. Mit dem
Kommentar, Karl könne im Zimmer bleiben. Er sei geflüchtet,
erzählte er mir, den Anblick hätte er nicht ertragen können. Die
letzten beiden Nächte im Krankenhaus verbrachte er alleine im Zimmer
mit nächtlichen Albträumen an den Verstorbenen.
Und nun, nach seiner Rückkehr, die
länger als acht Tage dauerte, fiel er wieder in die Sperrfrist und
durfte die Anstalt nicht verlassen. So wurde ich zu seinem
Zigaretten-Boten – Winston blau, die leichteren, die der Lunge
nicht so weh tun. Ha ha.
Die Strickliesl
In der Anstalt wurde ich zum
Frühaufsteher. Nachtruhe war um 22 Uhr 30. Damit war mein
Schlafbedrüfnis um halb fünf in der Früh gedeckt. Ich wachte
munter und voller tatendrang auf, stiefelte die Stiegen aus dem
zweiten Stock hinunter in die Lobby und drückte mir einen
Automatenkaffee. Ich setzte mich dann auf eines der
Leder-Imitat-Sofas und las in einem Buch oder schaute Musik-Videos am
Mobiltelefon - natürlich mit Kopfhörer, schließlich wollte ich das
Putzpersonal nicht bei der Arbeit stören.
Gestört wurde aber ich. Und zwar von
der Strickliesl. Ihren richtigen Namen kannte ich nicht, war mir auch
völlig egal. Sie betrat meist so kurt vor fünf Uhr morgens die
Lobby und setzte sich stets auf das nebenstehende Sofa und …
quasselte mich voll. Oida, ich will meine Ruhe haben in der Früh. In
den folgenden Wochen erfuhr ich ihre Lebensgeschichte, obwohl die
mich gar nicht interessierte. Und während ihrer ausschweifenden
Erzählungen strickte sie unentwegt an etwas, das einmal ein Pulli
werden sollte. So erzählte sie es zumindest.
Eine ihrer größten Sorgen war, ob sie
bei einem Wochenend-Freigang anlässlich ihrer Geburtstagsfeier zwei
oder drei Achterl Rotwein trinken könne, ohne, dass sie beim
Alkoholtest bei der sonntäglichen Rückkehr durchfallen würde.
Deren Sorgen möchte ich haben. Aber gefragt habe ich mich schon,
weshalb geht die Strickliesl auf Entzug, plant aber, auf der Feier
ein paar Achterl zu trinken? Jetzt war die beispielsweise vier Wochen
trocken und beginnt dann wieder zu trinken beziehungsweise trinkt
weiter. Manchen ist nicht zu helfen. Vielleicht schreibe ich ihre
Lebensgeschichte einmal nieder. Sie sind mir noch gut im Gedächtnis.
Fotos: Bernd Klaus Achter