Aus der Anstalt Pt.4

30.09.2025

Es ist der Tag nach Neujahr. Endlich kommt ein wenig Leben in die Anstalt, jetzt, wo die Feiertage vorbei sind. In meiner ersten Woche ist ohnehin nichts passiert; die erste Woche dient der Akklimatisierung, dem Ankommen und der vollständigen körperlichen Ausnüchterung. Ich wäre aufgrund der hohen Einstellung der Benzos, die den Prozess des körperlichen Entzuges unterstützen, ohnehin zu nichts in der Lage gewesen. Ich mußte sogar zwei Tage auf Nahrungsaufnahme verzichten, da ich mit den Krücken das Tablett mit den Speisen keineswegs unfallfrei von der Essensausgabe zum Tisch bringen hätte können. Und dann, als ich die Krücken wieder zurückgeben konnte, die Dosis der Benzos stückweise gesenkt wurde, war die Weihnachts-Neujahrs-Feiertagswoche. Das Personal war weitgehend auf Urlaub.
Nun, am Tag nach Neujahr bekam ich endlich einen Psychotherapeuten zugewiesen, ohne den ja gar nichts geht. Jede Therapiemaßnahme, die man besuchen möchte muss von dem selbigen zugewiesen werden. Nun war mit Ausnahme körperlicher Betätigung wie etwa Waldspaziergänge in der Therapiegruppe oder Fitnessstudio alles möglich. Körperliche Betätigung deshalb nicht, da Benzos, die am "Ausschleichen" waren, das Körpergefühl massiv beeinträchtigen können; damit wäre Verletzungsgefahr vorprogrammiert, so mein Therapeut. Morgendliches "Aktives Erwachen" hätte ich machen dürfen, weil man da eh sitzt. Also, kann man sich weder den Knöchel verstauchen noch das Bein verdrehen. Aber dazu hatte ich keine Lust. Zu geraucht von Raucherstäbchen, esoterischem Gelaber und Pling-Ploing Musik aus der Klangschalen-Konserve; nein, danke. Um diese Zeit - also um 8 Uhr 30 - trank ich lieber noch den dritten Kaffe und ging, Kaffeetasse in der linken und Zigarette in der rechten Hand, gemütlich durch den Anstaltspark.
Was ich aber cool fand, war die Kreativwerkstatt, zu der mich mein Therapeut zuwies. Da konnte man sich kreativ austoben: Zeichnen, Malen, Traumfänger basteln ("Ausg'steckt is'"), irgendwas mit Holz und... Töpfern. Ich entscheid mich für Töpfern. Das hatte ich zuvor noch nie gemacht, und etwas mit den Händen zu tun, lenkt vom Gedanken an Alkohol ab. Wie übrig alles, was man tut, vorzugsweise manuell, vom Gedanken an Alkohol ablenkt. Das Bedürfnis nach Wodka sinkt gegen null. Also töpferte ich mit Trockenton, wo es darum ging, das material in eine bestimmte Form zu bringen. Ich entschied mich für Schüsseln, die zuhause als Napf für meinen geliebten Beagle Emil verwenden konnte, sowie Schalen für meine Liebste, meine Eltern und mich, in die man dann Duft-Potpourris - aber bitte nicht die vom Ikea, die stinken alle nach Klo - oder später im Jahr Kastanien zur Herbstdeko einfüllen konnte.
So knetete ich dreimal in der Woche in der Kreativwerkstatt vor mich hin. Es hatte durchaus meditativen Charakter. Nach den Sessions war ich aber so was von entspannt. Die Betreuung durch die Sozialarbeiter war angenehm, nicht zu aufdringlich, aber stets hilfsbereit.
Für meinen Beagle Emil formte ich drei Schalen, die zuhause als Näpfe für Wasser und Futter dienen würden – den Namen des Hundes mit Werkzeug eingraviert. Diese wurden im Ofen gebrannt, dann von mir rot lackiert, damit sie zu den Küchenfronten passen und nochmals gebrannt. Die Farben waren lebensmittelecht und das ganze Teil war Geschirrspülmaschen-fest. Und das habe ich später auch getestet. Ja, es stimmt(e). Mir selber habe ich zwei kleine Schalen geknetet, die zuhause als Aschenbecher dienen sollten - eine in weiß gehalten für's Wohnzimmer, eine in rot gehalten für die Küche. Die Deko-Schalen wurden allesamt in Weiß gehalten. Ich dachte, das wäre der neutralste Weg.

Parallel zur Kreativwerkstatt begann auch der Reigen meiner Psychotherapie-Sitzungen, zwei mal wöchentlich. Die erste Frage bei der ersten Sitzung war - wie nicht anders zu erwarten: "Warum trinken Sie?". Wie oft habe ich diese frage von Therapeut*innen schon gestellt bekommen? Meine Antwort wie immer: "Warum nicht?" Ich hätte auch antworten können: "Ich weiß es nicht!".
Teilweise wusste ich es schon, aber, was geht die ganze Geschichte, oder die ganzen Geschichten, den Therapeuten an. In meinen Augen gar nichts. Ich weiß, das ist nicht die beste Basis für eine erfolgreiche Therapie. Aber, vermutlich ist das eine meiner Strategien, eine klare Vermeidungsstrategie, sich der reinen Wahrheit und damit auch einer gewissen Verantwortung zu stellen und sich gar aus dieser heraus zu stehlen.Und die zweite "berühmte" Frage, die ja kommen musste, war: "Hatten Sie schon mal Suizid-Gedanken?" Nein, hatt ich nicht. Dazu ist das Leben, auch wenn es mal nicht so rund läuft, viel zu wertvoll. Aber diese Frage stellte mir der diensthabende Pfleger und der diensthabende Arzt schon beim Eingangsgespräche zwei Wochen zuvor. Ein Suizid hinterlässt einen nie wieder gut zu machenden Schmerz bei den Hinterbliebenen; dem Täter selbst kann es ja eh egal sein, der liegt dann ohnehin unter der Erde oder wird zu Asche verbrannt.
Freunde werden Psychotherapeut*innen und ich in diesem Leben jedenfalls nicht mehr.

Der Schwede und die Leiche

Der Schwede Kalr kehrte zurück in die Anstalt, die er vor einer Woche wegen eines Lungeninfekts in Richtung Krankenhaus verlassen musste. Aber trotz der Lungenprobleme waren ihm seine Winston wichtig. Er stieg halt von roten, stärkere auf die leichteren blauen um. Egal, Rauchen ist Rauchen und dem Infekt sicher nicht heilend zuträglich.
Jedenfalls hatte er einiges zu erzählen. So lag er mit einem über 80-jährigen Mann im Zimmer. Jener verstarb über Nacht. Die Schwestern kamen, um ihn zu waschen und so für Transport und Beerdigung her zu richten. Mit dem Kommentar, Karl könne im Zimmer bleiben. Er sei geflüchtet, erzählte er mir, den Anblick hätte er nicht ertragen können. Die letzten beiden Nächte im Krankenhaus verbrachte er alleine im Zimmer mit nächtlichen Albträumen an den Verstorbenen.
Und nun, nach seiner Rückkehr, die länger als acht Tage dauerte, fiel er wieder in die Sperrfrist und durfte die Anstalt nicht verlassen. So wurde ich zu seinem Zigaretten-Boten – Winston blau, die leichteren, die der Lunge nicht so weh tun. Ha ha.

Die Strickliesl

In der Anstalt wurde ich zum Frühaufsteher. Nachtruhe war um 22 Uhr 30. Damit war mein Schlafbedrüfnis um halb fünf in der Früh gedeckt. Ich wachte munter und voller tatendrang auf, stiefelte die Stiegen aus dem zweiten Stock hinunter in die Lobby und drückte mir einen Automatenkaffee. Ich setzte mich dann auf eines der Leder-Imitat-Sofas und las in einem Buch oder schaute Musik-Videos am Mobiltelefon - natürlich mit Kopfhörer, schließlich wollte ich das Putzpersonal nicht bei der Arbeit stören.
Gestört wurde aber ich. Und zwar von der Strickliesl. Ihren richtigen Namen kannte ich nicht, war mir auch völlig egal. Sie betrat meist so kurt vor fünf Uhr morgens die Lobby und setzte sich stets auf das nebenstehende Sofa und … quasselte mich voll. Oida, ich will meine Ruhe haben in der Früh. In den folgenden Wochen erfuhr ich ihre Lebensgeschichte, obwohl die mich gar nicht interessierte. Und während ihrer ausschweifenden Erzählungen strickte sie unentwegt an etwas, das einmal ein Pulli werden sollte. So erzählte sie es zumindest.
Eine ihrer größten Sorgen war, ob sie bei einem Wochenend-Freigang anlässlich ihrer Geburtstagsfeier zwei oder drei Achterl Rotwein trinken könne, ohne, dass sie beim Alkoholtest bei der sonntäglichen Rückkehr durchfallen würde. Deren Sorgen möchte ich haben. Aber gefragt habe ich mich schon, weshalb geht die Strickliesl auf Entzug, plant aber, auf der Feier ein paar Achterl zu trinken? Jetzt war die beispielsweise vier Wochen trocken und beginnt dann wieder zu trinken beziehungsweise trinkt weiter. Manchen ist nicht zu helfen. Vielleicht schreibe ich ihre Lebensgeschichte einmal nieder. Sie sind mir noch gut im Gedächtnis.

Fotos: Bernd Klaus Achter


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