Rückfall olé

Zu glauben, man mache einen stationären Entzug und und alles sei gut, ist schlichtweg ein Irrglaube. Während des stationären Aufenthaltes befindet man sich in einer wohlbehüteten Blase, umgeben von Leidensgenossen, Pflegern, Ärzten und Therapeuten. Es gibt Regeln, die es zu befolgen gibt, Bespaßungsprogramm in Kreativwerkstätten, Sporteinrichtungen und Waldspaziergängen. Der Tag ist streng strukturiert durch Medikamentenausgaben, Essenszeiten und dem Therapieprogramm. Eigentlich kann man da gar nicht auf die Idee kommen, Alkohol zu konsumieren. Zudem ja auch nach Ausgängen - sei es Nachmittags oder an Wochenenden mit Heimschläferoption - stets eine Alkoholkontrolle und optional ein Harntest durchgeführt wird. So weit, so gut.
Und dann heißt es nach acht Wochen ab nach Hause. Man verlässt diese Struktur und die wohlbehütete Blase und kehrt in die Realität zurück, in der die selben Probleme warten, die da waren, bevor man in der Entzugsklinik eingecheckt hat. Die in acht Wochen gelernte Struktur ist plötzlich weg und man muss alleine denken - ohne Regeln und Vorgaben der Klinik. Und hier beginnt es schwierig zu werden. Das Geheimnis ist und bleibt die Tagesstruktur - nicht zwingend die aus Klinik, aber irgendeine sollte es sein, denn sonst ist der Rückfall vorprogrammiert.
Zur - neuen - Tagesstruktur gesellen sich noch zwei wesentliche Faktoren: der der Gesellschaft und der des Tuns. In den acht Wochen Entzugsklinik ist man stets von Menschen umgeben: Ärzte, Therapeuten, Pfleger, Mitpatienten, dem Zimmerkollegen.
Dazu kommet das Tun, das Therapieprogramm, das meist unmittelbar nach dem Frühstück beginnt. Tablettenausgabe, Morgengymnastik, Kreativwerkstatt, Vorträge über Gesundheit mit Blick auf Alkoholgenuss. Mittagessen, Tablettenausgabe, Gartenpflege, Physiotherapie. Abendessen, Tablettenausgabe, Waldspaziergang. Dann endlich Ruhe oder Billard spielen, Lesen in der Lobby oder im Park spazieren gehen und rauchen.
Und wenn man nach Hause kommt, ist man - sofern man großteils alleine lebt - tatsächlich auch alleine. Manchmal einsam. Und dieses Gefühl einer wenn auch nur zeitweiligen Einsamkeit verleitet einen dazu, Blödheiten zu machen. Wie etwa in den Supermarkt zu gehen - möglicherweise nur, um Obst zu kaufen, schlussendlich dann aber vor dem Spirituosenregal zu stehen und nur mehr zu überlegen, welchen Wodka kaufe ich. Und die Spirale dreht sich wieder.
Doch diese Falle lässt sich umgehen. Regel Nummer 1: Gehe niemals alleine einkaufen. Nimm eine Vertrauensperson mit. Partner oder Partnerin, ein Familienmitglied, einem Freund, dem Du vertrauen kannst. Regel Nummer 2: Schaffe Dir Rituale, die Dich beim sogenannten Craving oder Suchtdruck - also dem unbedingten Verlangen, sofort was zu trinken - auf andere Gedanken bringen. Regel Nummer 3: Tue etwas. Pflanze Blümchen im Garten, bastle Dir eine Sitzbank für die Terrasse oder putze die Wohnung. Wichtig ist, den Gedanken an Alkohol und den möglichen nächsten Drink aus dem Kopf zu bekommen. Gib dem Suchtdruck keine Chance.
Klingt alles einfach, ist es aber nicht - wie die Erfahrung und auch die statistischen Daten zeigen. Denn Alkoholiker gelten aus medizinischer Sicht nie als vollkommen geheilt, sondern gelten als "trockene Alkoholiker". Ein Glas Alkohol kann reichen, rückfällig zu werden. Rückfälle sind die Regel und nicht die Ausnahme. Mindestens 80 Prozent aller Patienten werden innerhalb eines Jahres rückfällig. Mit einer langfristigen Entzugstherapie und einer psychotherapeutischen Nachbehandlung sinkt der Anteil Rückfälliger auf rund 50 Prozent innerhalb von vier Jahren.
Hastags: #Alkohol #Alkoholsucht