Alkohol - Gekommen, um zu bleiben

In Wahrheit gibt es kein wirkliches Entkommen. Das Thema Alkohol wird mich mein restliches Leben (zumindest) begleiten und herausfordern.
Aus zweierlei Gründen: Zum ersten ist ein persönlicher Faktor, den jeden/jede Trinker/in betrifft. Das Suchtzentrum und das Suchtgedächtnis, nicht nur im Vorderhirn entwickelt, sondern auch in der Amygdala sowie in bestimmten Arealen des präfrontalen Cortex. Das Suchtgedächtnis ist mit Dopaminausschüttungen aufgrund der Einnahme eines Suchtmittels - in meinem Fall Alkohol - verbunden und ist damit eine Art Belohnungssystem - und: es lässt sich nicht löschen; nicht mit Hypnose, nicht mit Medikamenten - mit nichts. Denn, wäre es so einfach, bräuchten wir ja keine Entzugskliniken. Wir würden ein paar Pülverchen einwerfen und uns ein paar Male hypnotisieren lassen - und schon wäre der Spuk vorbei. Das heißt, es bedarf einer Therapie in einer entsprechenden Einrichtung. Und Durchhaltewille und Durchhaltevermögen in einem bestimmten Strukturrahmen mit entsprechenden neuen Strategien. Und dem Bewusstsein, dass das erste Glas, dass Du heute NICHT trinkst, das beste des Tages ist.
Zum zweiten ist Österreich eines jener Länder mit der höchsten gesellschaftlichen Akzeptanz gegenüber der Thematik Alkohol. Im Gegensatz zu Wein, Bier oder Spirituosen gibt es kein anderes legales Suchtmittel, das legal, einfach, günstig und rasch sowie jederzeit verfügbar ist. Ist nicht der Supermarkt die Quelle, ist es in meiner Heimatstadt und Heimatregion - im schönen südlichen Weinviertel - der Heurige, die Buschenschank, die Cocktail-Bar, der Branntweiner ums Eck - ironischerweise gegenüber der Stadtapotheke - oder das kleine Café am Hauptplatz. Und wenn alle Stricke reißen gibt es da noch den Würstelstand am Bahnhof oder nächtens, wenn der "normale" Mensch schläft, die 24/7 Tankstelle. Und da es in Österreich ab dem vollendeten 16. Lebensjahr legal ist, Alkohol zu kaufen, kann man auch nicht wegen irgendeiner Form der Beschaffungskriminalität verhaftet werden.
Wie oft bin ich nächtens, Sommer wie Winter, ans andere Ende der Stadt gegangen - nur, um eine völlig überteuerte Flasche Wodka zu kaufen, die ich angesichts der bereits einsetzenden Entzugserscheinungen schon am Nachhauseweg öffnete. Sehen hätte mich ohnehin niemand, da die Stadt im Nachtschlaf lag.
Was uns zum dritten Punkt der Überlegungen bringt - aber das sind harte Fakten: Gehen wir vom Kleinen ins Große. Österreich ist ein Hoch-Alkohol-Land. In einer aktuell von der OECD veröffentlichten Statistik liegt Österreich im Ranking des höchsten Pro-Kopf-Konsums auf Rang vier mit einem Pro-Kopf-Durchschnitt von 11,6 Litern reinem Alkohol (Ethanol!!). Ein trauriger Rekord, der uns nur mehr von den Länder Lettland, Spanien und Rumänien abgenommen wird. Deutschland - die Biernation schlechthin - und Polen, das einstmals dieses Ranking anführte und neben Russland und Finnland das Wodka-Land schlechthin, liegen weit abgeschlagen hinter der Alpenrepublik. Traurig dabei ist, dass der vierte Platz auch den Jugendlichen zwischen dem 14. und dem 16. Lebensjahr gewiss ist. Nebenbei: Die Frage ist, wie sie zu Alkohol kommen, da der Erwerb in diesem Alter noch nicht legal ist. Die Vermutung: die elterliche Bar, der elterliche Weinkeller, die Bauernstube, in der Papa seine Schätze gelagert hat. Zum Vorglühen reicht es allemal. Erstaunlich dabei ist jedoch laut einer Statistik der Health Behaviour in School-Aged Children (HBSC), dass hier die Mädchen mit 54 Prozent eher zum gesundheitsschädlichen Alkoholkonsum tendieren als die Buben.
Wobei es ja mit dem Jugendschutz in Österreich ohnehin nicht weit her ist. Es ist wie so oft in unserem Land. Wir wursteln dahin, lassen es schleifen - bis dann was passiert. Und dann weinen wieder alle.
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